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Freitag, 27. März 2015

Not just sad








Noch nie ging es einer Generation so gut wie den heutigen Endzwanzigern. Sie sind gut ausgebildet, haben alle Möglichkeiten, können sich frei entfalten, die Welt steht ihnen offen und doch sind sie unglücklich, leiden unter Depressionen. Unbemerkt von der Öffentlichkeit.

In diesem Alter hat man heute schon alles erlebt. Im sicheren Job wurden schon alle Kontinente bereist, man hat eine oder mehrere Partnerschaften hinter sich und möchte nun endlich ankommen. Nur wo?
Von allem soll es das Beste sein, nur ist es das, was ich schon habe? - Oder lässt sich alles noch steigern. Alle anderen scheinen glücklicher und erfolgreicher. Warum bin ich nicht glücklich und fühle mich statt dessen müde, krank und ausgebrannt?

Da in unserer Leistungsgesellschaft nur der Starke zählt, traut sich keiner von diesen Erfolgreichen und doch Hoffnungslosen seine innere Zerissenheit einzugestehen, um nicht als Verlierer dazustehen. In Wirklichkeit sind die Kliniken für psychosomatische Krankheiten überlastet und wer dringend auf Hilfe angewiesen ist, wartet oft monatelang.

Sichtbar wird die Tragödie erst dann, wenn der inneren Zerstörung die äußere folgt.



Dienstag, 17. März 2015

Speed Dating




Das glaub' ich jetzt nicht! Auf meinem Handy erscheint eine eMail mit einer Einladung zur Leipziger Buchmesse. Sieben Minuten gibt man mir Zeit, um bei einem Dating mit einem Verlag mein Manuskript vorzustellen.
Natürlich habe ich mich vor ein paar Wochen über ein Forum Junger Autoren für diese Veranstaltung angemeldet, aber doch niemals mit einer Einladung gerechnet. Anscheinend hat man mich aufgrund meines Exposés und meines Blogs einer Teilnahme für würdig befunden.
In zehn Tagen, sonntags um 12 Uhr ist der Termin bereits, da bleibt mir bei einer sechsstündigen Anfahrt keine andere Möglichkeit, als einen Tag vorher anzureisen und zu übernachten.
Ob wohl schon alle Hotels ausgebucht sind?
In Kombination mit einer Bahnfahrkarte gibt es noch ein Zimmer und ich buche sofort. Da sollte man nicht lange überlegen.
Mein Manuskript muss noch vervollständigt und das bereits vorliegende Exposé ergänzt werden.
So ausgerüstet fahre ich nach Leipzig und erreiche am späten Nachmittag den dortigen Bahnhof. Der ist gigantisch groß und völlig verwirrend. Verschiedene Ebenen sind mit Rolltreppen verbunden und ich sehe keinen Hinweis darauf, wo ich dieses Gebäude verlassen kann.
Nachdem ich mich bis zum Ausgang durchgefragt habe, beschließe ich die Gelegenheit zu nutzen, in dieser mir bisher unbekannten Stadt einen kleinen Stadtbummel einzulegen, wobei ich von dem historischen Stadtbild sehr angetan bin.
Wie ich leider feststellen muss liegt das Hotel, welches ich so kurzfristig gebucht habe ziemlich außerhalb der Stadt und die Anbindung durch ein öffentliches Verkehrsmittel ist eher ungünstig. Bevor ich umherirre, nehme ich mir doch lieber ein Taxi, zumal es schon dunkel wird.
Am Taxistand winkt mir schon von weitem ein freundlicher älterer Herr zu - ein echter Leipziger, wie sich später herausstellt. Bei der Angabe meines Fahrtzieles stutzt er und weist mich darauf hin, dass es von dieser Hotelkette zwei Häuser in der Stadt gäbe. Bei meinen Anmeldepapieren finde ich weder einen Straßennamen, noch eine Telefonnummer (habe ich einen Teil der vielen Unterlagen vergessen?).
Er macht mir daraufhin den Vorschlag, zuerst ins näher gelegene Hotel zu fahren und auf mich zu warten, bis ich mich erkundigt habe, ob ich dort registriert bin. Mit dem Fahrstuhl geht es kurz in die siebte Etage, wo sich die Reception befindet und erhalte dort die Auskunft, im anderen Hotel gleichen Namens gebucht zu haben.
Weiter geht die Fahrt. Mein Taxi-Chauffeur gestaltet sie mit seinem sächsischen Humor recht kurzweilig und erzählt, Jahrgang 43 sei er (von wegen Rente mit 63).
Beim Einchecken im Hotel weist mich die junge Dame an der Reception darauf hin, ich möge doch mein Frühstück erst nach neun Uhr einnehmen, da zwei große Reisegruppen im Haus seien.
In der Sitzgruppe daneben warten zwei Frauen auf den Arzt, weil eine davon ohnmächtig wird oder zu ersticken droht.
Mir scheint ganz Leipzig ist im Ausnahmezustand.
Ich freue mich nun endlich auf die Ruhe in meinem Zimmer. An der Türe klebt das Nichtraucher-Zeichen. Ist mir recht, obwohl ich es nicht ausdrücklich verlangt habe. Jedoch beim Betreten des Zimmers habe ich den Eindruck, eine Kneipe am Morgen in den Siebzigern zu betreten. Das Zimmer wurde wohl noch am selben Tag zu Nichtraucher-Zimmer deklariert.
Gegessen habe ich auch schon längere Zeit nichts mehr. Ins Restaurant möchte ich eigentlich nicht, deshalb frage ich nebenan in der Sports-Bar den sympathischen Barmann, ob man irgendwo vielleicht nur eine Kleinigkeit bekommt.
„Nehmen sie bitte hier Platz und wählen etwas aus der Karte.“
Die zwei großen Bildschirme mit Fußball-Übertragung empfinde ich zwar ziemlich störend, aber lange möchte ich mich auch nicht aufhalten.
„Ich hätte gerne den Salat mit Roastbeef und ein Köstritzer Bier,“ gebe ich meine Bestellung auf.
„Haben sie etwas Zeit? Unsere Küche ist ziemlich im Stress,“ erklärt mir der freundliche Barmann mit Migrations-Hintergrund.
Nachdem er bei mir eine gewisse Unschlüssigkeit erkennt, fordert er mich auf ihm zu folgen. Um die Ecke ist ein unberührtes kaltes Buffet voller Köstlichkeiten aufgebaut, davon solle ich mir nehmen soviel ich möchte, es koste sechs-fünfzig.

Der Tag war recht ereignisreich und trotz einer gewissen Anspannung wegen meines Dates am nächsten Tag bin ich müde genug, um gut zu schlafen und bin deshalb auch schon früh ausgeruht, um vor neun Uhr beim Frühstück zu sein. Tatsächlich herrscht noch ein ähnlicher Betrieb wie in einer Bahnhofshalle, aber es lichtet sich schon allmählich, sodass ich einigermaßen ruhig mein Frühstück einnehmen kann.
Beim Auschecken lasse ich mir ein Taxi rufen und man bittet mich in der Lounge zu warten, der Fahrer würde mich dort abholen.
Nach einigen Minuten kommt ein seriös wirkender Herr im dunklen Mantel durch die Eingangstür, spricht mich mit meinem Namen an und fragt mich, ob ich ein Taxi bestellt habe. Leicht verwundert bejahe ich und werde zu der großen schwarzen Mercedes-Limousine begleitet, die direkt vor dem Eingang steht wo man mir die Türe zum Fond aufhält.
Nach der Nennung meines Zieles muss ich nun doch nachfragen, ob ich denn tatsächlich in einem Taxi befördert werde, nachdem ich auch kein Schild entdecken konnte, worauf der Herr am Steuer ganz locker antwortet, er käme vom Limousinen Service.
Nun ja, wer erfolgreich sein will muss klotzen und darf nicht kleckern. Deshalb kann es nicht schaden, mit Chauffeur vorzufahren, solange ich keinen Aufpreis dafür zahlen muss.

Die offizielle Öffnung der Messehallen beginnt erst und ich habe außerdem noch viel Zeit, mich vor meinem Termin in den Hallen umzusehen. Dort finde ich auch den Stand des Verlages mit dem ich in Kontakt treten soll und schaue mich dort um. Das Programm ist mir zwar einigermaßen bekannt, aber was ich dort sehe, sind nur Biografien von berühmten Personen. Bei diesem Genre denke ich nicht, dass wir zusammenkommen werden, da es sich bei meinem Manuskript eher um einen Roman handelt und meine Großmutter bislang noch nicht berühmt ist.
Um elf Uhr melde ich mich für die Veranstaltung an, hole meine Terminkarte und setze mich schon leicht erschöpft ins Foyer auf ein Sofa.
Im Vorfeld war meine Anspannung recht groß, weil ich bei diesem Speed-Dating einen Partner finden soll – also einen Verlags-Partner, aber in den letzten Stunden ist meine Anspannung regelrecht verflogen. Ich geh' da jetzt einfach rein denke ich mir, und erzähl' ein bisschen was. In sieben Minuten kann jemand eh nur einen kurzen, allgemeinen Eindruck gewinnen.
Eine Viertelstunde vorher, nehme ich auf der Stuhlreihe an der Seite des Raumes Platz. Wie in der Tanzstunde, wo man wartet bis man aufgefordert wird.
In der Mitte des Raumes sind kleine Tische verteilt, an denen sich immer zwei Personen gegenüber sitzen.
Der Gong ertönt. Ich bin dran. Der Verleger begrüßt mich freundlich lächelnd und stellt fest, dass ich ihm schon an seinem Stand aufgefallen sei. Meine Geschichte fasse ich in wenigen Worten zusammen und er lässt mich erzählen. Dieses Lächeln irritiert mich etwas.
Er erklärt mir, was ich zwischenzeitlich schon wusste, dass meine Geschichte nicht in sein Programm passt und gibt mir noch einige Tipps, wohin ich mich wenden kann. Wieder ertönt der Gong und er entlässt mich mit dem Wunsch, dass ich Erfolg habe.
Zumindest hatte ich das Gefühl als Person zu überzeugen. Es war eine tolle Erfahrung, die mir ein Stück Sicherheit gab mein Ziel weiter zu verfolgen.

Zum Bahnhof fahre ich wie gewöhnliche Leute mit der Tram und gehe vor meiner Heimreise in der Innenstadt zum Essen – Leipziger Allerlei und danach Eierschecke.

 




Donnerstag, 26. Februar 2015

Vom Werden und Vergehn






                                                      Sprache des Frühlings


                                     Jedes Kind weiß, was der Frühling spricht:

                                     Lebe, wachse, blühe, hoffe, liebe

                                     Freue dich und treibe neue Triebe

                                     Gib dich hin und fürcht das Leben nicht!


                                     Jeder Greis weiß, was der Frühling spricht:

                                     Alter Mann, laß dich begraben,

                                     Räume deinen Platz den muntern Knaben,

                                     Gib dich hin und fürcht das Sterben nicht!


                                                                                                     Hermann Hesse




Freitag, 6. Februar 2015

Mama muss weg



                                                                          
                                                                             
Unverstanden
Verkannt
An den Kirchturm gefesselt
Leben in Grau
Tag für Tag
Hier

Glanz
Horizonte
Vermeintliches Glück
Unerreicht
Jahr für Jahr
Dort

Schuld hat Mama

Warten
Im eisigen Wind
Warten
Blühende Gärten im Blick
Warten
Wohlstand so nah
Warten
Kalte Gesetze gebeugt

Mama muss weg


 


Montag, 12. Januar 2015

Nur Kleinkram









Wie geizig, engherzig ist die Erde eingeteilt, mit dem Himmel verglichen, der sich darüber wölbt.

Die Wolken fügen sich nicht eine Minute,
sie teilen sich nie ein,
sie beschränken sich nie auf ein einziges Bild,
sie verwandeln sich viel schneller, als jemand denken kann,
bald in Gebirge, bald in Fabeltiere;
einmal wachsen sie götterhaft, einmal wie Pflanzen.
Ihre Schatten jagen über den Kleinkram, der genau eingeteilt ist.


Anna Seghers


Donnerstag, 8. Januar 2015

Satire

Je grauenvoller eine Tat, desto höher der  Vermarktungswert.
Die Einzigen,  die keinen Nutzen daraus ziehen können, sind die Toten.

Dienstag, 6. Januar 2015

Stummer Schrei

Edvard Munk "Der Schrei"



Der runde Tisch - ein Symbol für Gleichstellung und Kommunikation. An diesem Tisch jedoch, bleibt jeder für sich und keiner spricht.
Der mit den langen Haaren und dem zerfurchten Gesicht, scheint auf seinem Stuhl eingeschlafen zu sein, er starrt nur vor sich hin. Die fette Frau mit den dunklen Schatten unter den Augen steht manchmal wortlos auf, um sich kurz danach wieder hinzusetzen. Ihr gegenüber, der ältere Mann, den man für einen Sachbearbeiter in einem Büro halten könnte, hat eine Notebook vor sich liegen und schiebt die Maus ruhig hin und her. Zwischendurch legt er mit sorgfältigen Bewegungen eine Diskette ein.
Alle scheinen ihre Umgebung überhaupt nicht wahrzunehmen. Nur ein großer, junger Araber spricht manchmal ein paar Worte, die ungehört verhallen. Er wirkt fremd in dieser Runde mit seinen schwarzen Haaren und dem orientalischen Einschlag.

Sobald einer von ihnen auf den Balkon nebenan geht, um eine Zigarette zu rauchen, kommt trotz dieser allgemeinen Langsamkeit etwas Bewegung in die Runde. Viel Platz bietet er nicht, dieser kleine Balkon, der wie ein Käfig komplett vergittert ist.
An der Eingangstüre dieser Abteilung hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Psychiatrische Pflegestation“ und „Diese Türe ist heute leider geschlossen.“

Ein Ort der Stille, emotionslos, wie es scheint.
Die Emotionen dieser Patienten waren zuvor so groß und übermächtig, dass sie drohten, diese Menschen zu zerstören. Hier wird versucht, sie von diesen starken Gefühlen zu befreien. Jeder von ihnen stand vor einem Abgrund, in den er ohne fremde Hilfe gestürzt wäre.

Zwei Sanitäter bringen eine kleine alte Frau. Sie schreit und tobt, weil sich in ihren Vorstellungen die ganze Welt gegen sie verschworen hat. Einen solchen Ausbruch traut man dieser zierlichen Frau eigentlich nicht zu.
Was hat ihre Seele so zerstört, dass sie am Ende ihres Lebens solchen Qualen ausgesetzt ist?
Keiner am Tisch fühlt sich gestört durch diesen Zwischenfall. Bald kehrt auch wieder Ruhe ein. Sie wurde in denselben Zustand wie ihre Mitbewohner versetzt und ist nun in deren gleichförmigen Alltag eingebunden. Mit dem Unterschied, dass sie den Pflegern Geschichten aus ihrem Leben erzählt, da ihr sonst niemand zuhört.
Wer spricht kann überwinden, was die Seele quält.
Das malende Mädchen drückt dies in ihren Bildern aus. Ihr einziges Motiv sind bunte Blumen. Vielleicht träumt sie ja von einer fröhlichen, heilen Welt.
Die alte Frau freut sich beim Anblick dieser Bilder, die für sie auch eine heile Welt verkörpern.

Ein lauter Gong zerreißt die Stille. Das Zeichen, sich in die Schlange für die Essensausgabe einzureihen.
Folgsam stehen die unterschiedlichsten Menschen in einer Reihe, sie haben nur diesen leeren Gesichtsausdruck gemeinsam.
Die alte Frau steht immer noch an der Seite und meint:“Eigentlich habe ich keinen Hunger. Außerdem erinnern mich Menschen-Schlangen an den Krieg.“
Spontan tritt der große, junge Araber aus der Reihe und nimmt die alte, kleine Frau in den Arm. Über beide Gesichter huscht ein kurzes Lächeln, bevor sie die Eintönigkeit wieder ergreift.

Für einen kurzen Moment schien ein Stern aufgegangen, in dieser Dämmerung.

Jeder von ihnen hat die Chance auf auf ein zweites, vielleicht besseres Leben und die Möglichkeit, nach dieser Therapie nochmals ganz von vorne anzufangen.
Kein Leben verläuft gleichmäßig, bei manchen Menschen sind die Täler einfach tiefer.