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Sonntag, 6. September 2015
EIN SOMMER
Eintauchen in die Wärme der Tage.
Der Duft von Blüten in Harmonie
mit der Musik der Zeit.
Das Leben schmeckt nach Schwarzwälder Kirsch,
süß und leicht beschwipst.
Gedanken tanzen mit der Leichtigkeit von Federn
im Wind.
Geöffnete Herzen verströmen Emotionen,
eine Ahnung von Schmetterlingsküssen.
Worte wie spielende Kinder – nächtelang.
Umarmt vom Universum.
Die Blätter beginnen zu fallen.
Sonntag, 23. August 2015
AVATARE
Avatare schwirren durch den virtuellen Raum.
Blutleere, gesichtslose und stumme Wesen mit synthetischen Charakteren auf der Suche nach einem echten Menschen, um sich für einige Zeit dort anzudocken.
Reale menschliche Wesen ohne echte Gefühle konstruieren sich eine Identität und verbergen sich hinter diesem zweiten Gesicht. Luftschlösser werden gebaut, um dem eigenen kleinen Ego Größe zu verleihen und wie in dem Märchen von Hase und Igel ist es ihnen möglich, sich gleichzeitig auf verschiedenen Kontinenten aufzuhalten.
Manchmal aber suchen sie sich ein menschliches Gefühl, wozu sie selbst unfähig sind und sobald sie diesen realen Charakter ausgesaugt haben, ziehen sie sich wieder in ihr Nirwana zurück auf der rastlosen Suche nach einem neuen Opfer.
Freitag, 7. August 2015
DEKADENZ
Zähfließend, wie klebriger Sirup verrinnt die Zeit.
Bis zum Horizont scheint das Meer glatt und unbeweglich und nur durch den Bug der weißen Luxus-Yacht wird es durchschnitten. Außer dem monotonen Schlagen der Wellen gegen die Bordwand herrscht Stille.
Trägheit breitet sich aus unter der sengenden Sonne. Eine leichte Meeresbrise macht die Luft kaum erträglicher.
Frank lässt sich den zweiten doppelten Whisky auf Eis an seinen Deck-Chair servieren, während er selbstzufrieden seine Uhrensammlung betrachtet. Dreißig Wunder der Feinmechanik und jedes Teil findet seinen Platz in einem eigens dafür angefertigten, mit Samt ausgeschlagenen Koffer.
Der Alkohol legt sich allmählich wie eine Dunstglocke über seinen Kopf und lässt die Bewegungen in der Hitze schwer werden.
Am Pool räkelt sich Carla auf einem Day-Bed. Schön, wie eine griechische Göttin. Ihr langes, weißes Kleid wird von goldenen Spangen gerafft und ist bis zur Hüfte geschlitzt. Obwohl schon Ende Fünfzig und damit ein paar Jahre jünger als Frank, scheint sie sich, dank moderner Chirurgie die ewige Jugend erkauft zu haben.
Sam, der dunkelhäutige, kubanische Steward stellt neben ihr einen Kühler mit einer Flasche Champagner auf das Deck und reicht Carla ein gefülltes Glas. Seine Muskeln zeichnen sich unter dem dünnen Hemd ab, als wären sie aus Stein gemeißelt.
Angewidert schüttet sie den Inhalt ihres Glases in den Pool. „Der Geschmack langweilt mich, was finden bloß alle so besonders daran?“
Überhaupt empfindet sie nur noch unerträgliche Langeweile auch gegenüber Sam, der für ein paar Scheine jeden Service bietet, während Frank sich von zwei Thai-Mädchen verwöhnen lässt.
Diese Yacht war der große Traum und das letzte gemeinsame Ziel, das sie nach all ihren Immobilien anstrebten.
Zwei Luxusgeschöpfe in einem goldenen Käfig und sie haben sich nichts mehr zu sagen. Dabei haben sie sich einmal geliebt.
Donnerstag, 16. Juli 2015
KLASSENTREFFEN
„Hallo Charlie... du ?!“ Die Nummer auf dem Display vom Telefon ist mir nicht bekannt.
„Ich dachte, wir könnten ein Klassentreffen veranstalten. In unserem Alter weiß man nicht, wie lange das noch möglich ist.“
Drei unserer Mitschüler haben uns schon verlassen, erfahre ich im Gespräch. Einer von ihnen ist schon vor Jahren in Marokko an Lungenkrebs gestorben. Ein anderer, obwohl ein guter Sportler, war anscheinend schon lange Zeit krank und niemand wusste davon. Beim Dritten kennt keiner genau die Gründe. Drogen oder so … 68er Generation eben.
Damals, vor 45 Jahren nahm die Schule meinem Gefühl nach nicht denselben Stellenwert ein wie heute. Man wurde nicht durchgeschleust, um möglichst schnell eine tolle Karriere zu absolvieren, sondern sah darin auch eine Institution, die Allgemeinbildung vermittelt.
Ab der 10. Klasse trennten sich viele Wege. Einige begannen mit einer Berufsausbildung, andere wechselten zu einem fachbezogenen Gymnasium und nur, wer ein konkretes Ziel vor Augen hatte, hielt bis zum Abitur durch. - So wie Charlie.
Er war immer Klassenbester und räumte einen Preis nach dem anderen ab. Man muss jedoch berücksichtigen, dass es für ihn nicht diese Ablenkungen gab wie für uns, da er von Geburt an blind ist.
Was heute zu unendlichen Diskussionen Anlass gibt, war für uns selbstverständlich. Den Unterricht verfolgte er anhand von Büchern in Braille-Schrift und Notizen machte er sich mit einem speziellen Stift. Klassenarbeiten tippte er in seine Schreibmaschine. Das erschwerte mitunter die Konzentration der übrigen Mitschüler, aber keiner wäre auf die Idee gekommen sich zu beschweren. Für seinen Nebensitzer war die Verlockung abzuschreiben groß und erst heute erfahren wir, dass es für ihn Grund genug war, die Blindenschrift zu erlernen.
Beide promovierten später. Der eine in Jura und der andere in Naturwissenschaften. - Ein erfolgreiches Team.
Mit einem seltsamen Gefühl gehe ich zu diesem Treffen, denn an meine Schulzeit erinnere ich mich nur ungern. Zurückhaltend und möglichst unscheinbar saß ich in der hintersten Bank. Immer mit der Hoffnung, dass mich die Lehrer dort übersehen. Nach vorne, an die Tafel zu gehen, kam mir einer öffentlichen Bloßstellung gleich.
Wenige Schritte vor dem Lokal sehe ich Matze. Was hat ihn bloß so unverändert erhalten?
Er ist immer noch ein lässiger Typ - cool würde man heute sagen -„Ich fand dich in der Schule schon toll, aber damals mit sechzehn warst du für mich unerreichbar“, eröffnet mir Matze zum Abschied und ich fühle mich wie ein Teenager, der zur Tanzstunde eingeladen wird. mit einem Faible für schwarze, amerikanische Sportwagen. Mit dem Gesicht oft in meine Richtung gewandt statt zum Lehrer, saß er eine Bank vor mir. Zu seinem Leidwesen wurden diese jugendlichen Flirtversuche von mir nicht als solche wahrgenommen.
„Matze!“ Drei Mal rufe ich seinen Namen und versuche mich bemerkbar zu machen, aber er hört mich nicht. Nun ja, denke ich, er hat mittlerweile auch die sechzig überschritten und muss etwas schmunzeln.
Drinnen sind schon fast alle versammelt und teilweise habe ich Mühe, die Gesichter richtig einzuordnen. Bei ein paar jedoch, kommt die Erinnerung sofort zurück.
Die Ulli sieht schlecht aus,denke ich so bei mir und muss kurz darauf erfahren, sie habe Krebs.
Alle haben wir das eine oder andere Zipperlein und schlucken brav die verordneten Tabletten, aber Krebs hört sich so endgültig an. Etwas, was man gerne ausblendet, solange man nicht selbst davon betroffen ist.
„Kommt Harald aus Amerika?“ Alle dachten, er hätte mit seiner „Green Card“ das große Los gezogen, aber als Architekt hat er im gelobten Land ziemlich zu kämpfen, wie er erzählt und verspricht, beim nächsten Treffen dabei zu sein. Auch meine damals beste Freundin hat sich auf die schriftliche Einladung nicht gemeldet. Dolmetscherin wollte sie werden, aber über Google weiß ich nun, dass sie Skulpturen aus Holz fertigt.
Außer bei unseren Doktoren sind die großen Karrieren ausgeblieben. Die Männer arbeiten teilweise in sozialen Berufen. Dieses Engagement verdient jedenfalls großen Respekt. Von den Frauen besitzt eine einen Kosmetiksalon und dann gibt es noch die Lehrerinnen. Ein Beruf, der damals gerne ergriffen wurde.
Eine Geographie-Lehrerin, kurz vor ihrer sicheren Pension stehend erklärt mir das Wetter und wie es zum Klimawandel kommt. Ein Leben für die Schule! Aber dann zieht sie ein komplettes Nagelnecessaire aus der Tasche mit der Bemerkung, sie habe immer alles lebensnotwendige dabei, sollten sie plötzliche Fluchtgedanken überkommen. Damit hat sie das Geheimnis unserer großen Handtaschen gelüftet.
Ulli verabschiedet sich schon früh mit der Entschuldigung, Kranke gehörten ins Bett. Bedauerlicherweise habe ich versäumt, mich mit ihr zu unterhalten. Ich dachte es bleibt noch Zeit.
Jeder hat schwierige Zeiten durchlebt. Ist hingefallen und wieder aufgestanden.
Während der Schulzeit war die nächste Klassenarbeit wichtig, oder dass man zu jeder Party eingeladen wird. So viele Gedanken um die Zukunft, wie heute machte man sich nicht. Die Wahlmöglichkeiten waren nicht so groß.
Als kleine Sensation wurde aufgenommen, dass ich angefangen habe zu schreiben. Niemand hätte dies mit mir in Verbindung gebracht.
„Ich fand dich damals in der Schule toll, aber mit sechzehn warst du für mich unerreichbar“, eröffnet mir Matze zum Abschied und ich fühle mich wie ein Teenager, der zur Tanzstunde eingeladen wird.
So viele Lebensläufe mit so viel Leben darin! Dabei haben wir uns in 45 Jahren nicht so sehr verändert, wie die Welt um uns herum. Nur an unseren Erfahrungen sind wir gewachsen.
Ein Zusammentreffen das bereichert hat und vielleicht lässt es sich bald wiederholen.
Samstag, 13. Juni 2015
MEIN WEG
WENN meine Freundin nicht nach dem Vorbild ihrers Bruders den Lateinzug am Gymnasium gewählt hätte, wäre die Wahl meines Bildungsweges mit hoher Wahrscheinlichkeit anders ausgefallen und meine Schulzeit in der Erinnerung nicht so negativ belegt.
WENN irgendwer meine Kreativität und Begeisterung für Modedesign wahrgenommen hätte, wäre ich nicht in einem Beruf gelandet in dem ich mich nie wirklich zu Hause gefühlt habe.
WENN ich Anfang der siebziger Jahre aus dem Umfeld der pseudo-intelektuellen Hippie-Szene, die mich als neuer Trend faszinierte nicht verabschiedet hätte um mich in einer Disco der Oberflächlichkeit hinzugeben, wäre ich nicht dem Mann begegnet mit dem ich seit vierzig Jahren mein Leben mehr oder weniger teile.
WENN mich mein Job nicht so angeödet hätte, wäre vielleicht eine große Karriere möglich gewesen, ohne dass meine biologische Uhr unüberhörbar hätte angefangen zu ticken und ich meine Zukunft plötzlich in der Mutterrolle sah.
WENN der Bauträger, bei dem ich um meinen Rentenanspruch nicht zu verlieren gearbeitet habe mich wegen Insolvenz nicht freigestellt hätte, wäre mein Traum von der eigenen Boutique wohl nie in Erfüllung gegangen, der mich allerdings selbst scheitern ließ.
Immer wieder steht man vor der Entscheidung, die eine oder andere Richtung einzuschlagen. Kein Weg ist genau vorgezeichnet. Die einmal getroffene Entscheidung kann allerdings nicht revidiert werden und den einmal gewählten Weg muss man unaufhörlich weitergehen. Ein Zurück, um eine andere Richtung einzuschlagen gibt es nicht.
Freitag, 22. Mai 2015
MACHT
Macht
- erworben durch intelligente Strategien, unterdrücken
Herrscher die Massen mit Ignoranz der Individuen.
In
Alltagsgrau und Bedeutungslosigkeit versunken und nur durch
Glücksfall oder juristische Schachzüge zu kleinen Herrschern
aufgestiegen. Allein den eigenen Vorteil sehend und Konsequenzen
ausblendend, im debilen Rausch der Macht. Besoffen von seligem
Hochgefühl und blind für die Gefühle anderer.
Ihr
werdet sterben, irgendwann, und nichts wird übrig bleiben, als ein
schlechter Geschmack, in den Kehlen der Erniedrigten.
Montag, 4. Mai 2015
Die Fabel vom Veilchen, das groß und stark werden wollte.
Es ist Frühling. Die Narzissen stehen in voller Blüte und strahlen
in leuchtendem Gelb. In Gruppen versammelt strecken sie ihre
fröhlichen, jungen Gesichter der Sonne entgegen und lassen sich von
ihr streicheln. Die allseitige Beachtung und Bewunderung genießend
tanzen sie sanft im Wind.
Einsam, mit traurigen Augen und in dunklen violetten Samt gekleidet
steht ein kleines Veilchen am Wegesrand. Erst gegen Abend bescheint
die untergehende Sonne sein Bett aus Moos, von wo es voller Sehsucht
zu den strahlenden Narzissen schielt.
„Ich bin so klein und unscheinbar, in meinem dunklen Kleid werde
ich an diesem schattigen Platz von niemandem beachtet. Die Narzissen
blicken voller Hochmut zu mir herüber. Niemals werden sie mich bei
sich aufnehmen.“
Vor lauter Kummer lässt das Veilchen sein kleines Köpfchen hängen,
während es mit seinem Schicksal hadert.
„Wenn ich mich sehr anstrenge und alle Kräfte mobilisiere,
vielleicht kann ich dann noch wachsen!“
Seine feinen Wurzeln bohrt es auf der Suche nach wertvoller Nahrung
tiefer und tiefer in die Erde. An nichts anderes kann dieses zarte
Blümchen mehr denken, als ebenso schön und begehrenswert wie die
Narzissen zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen wendet es mit einem
unbändigen Willen seine ganze Kraft auf, um sich alles aus dem Boden
zu saugen, was dieser herzugeben imstande ist.
Diese harte Arbeit und übernatürliche Anstrengung wird im Sommer
belohnt. Aus dem unscheinbaren Veilchen hat sich eine kräftige,
hochgewachsene Rose mit feuerroten Blütenblättern entwickelt. Wie
ein Sonnenuntergang über dem Meer, so leuchtend rot streckt sie sich
gen Himmel.
Zu ihrem Schutz hat sie sich in ein Dornenkleid gehüllt. Niemand
soll sie mehr verletzen.
Glücklich, weil von jedermann bewundert blüht sie bis spät in den
Herbst in ihrer vollen Schönheit.
„Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen“, tuscheln die
inzwischen verwelkten und vertrockneten Narzissen voller Neid. „Mit
Sicherheit verfügt sie über ein geheimes Zaubermittel, das ihre
Frische erhält.“
Die Rose ignoriert, was über sie geredet wird. Nur sie allein weiß,
welcher Kraftaufwand und wie viel Disziplin nötig waren, um sich
ihren Traum zu erfüllen.
Die Moral von der Geschichte:
Bist du ein Nichts, bleibst du unbeachtet. Hast du Erfolg, bringt es
dir zwar Neider, aber innere Befriedigung.
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