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Dienstag, 6. Januar 2015

Stummer Schrei

Edvard Munk "Der Schrei"



Der runde Tisch - ein Symbol für Gleichstellung und Kommunikation. An diesem Tisch jedoch, bleibt jeder für sich und keiner spricht.
Der mit den langen Haaren und dem zerfurchten Gesicht, scheint auf seinem Stuhl eingeschlafen zu sein, er starrt nur vor sich hin. Die fette Frau mit den dunklen Schatten unter den Augen steht manchmal wortlos auf, um sich kurz danach wieder hinzusetzen. Ihr gegenüber, der ältere Mann, den man für einen Sachbearbeiter in einem Büro halten könnte, hat eine Notebook vor sich liegen und schiebt die Maus ruhig hin und her. Zwischendurch legt er mit sorgfältigen Bewegungen eine Diskette ein.
Alle scheinen ihre Umgebung überhaupt nicht wahrzunehmen. Nur ein großer, junger Araber spricht manchmal ein paar Worte, die ungehört verhallen. Er wirkt fremd in dieser Runde mit seinen schwarzen Haaren und dem orientalischen Einschlag.

Sobald einer von ihnen auf den Balkon nebenan geht, um eine Zigarette zu rauchen, kommt trotz dieser allgemeinen Langsamkeit etwas Bewegung in die Runde. Viel Platz bietet er nicht, dieser kleine Balkon, der wie ein Käfig komplett vergittert ist.
An der Eingangstüre dieser Abteilung hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Psychiatrische Pflegestation“ und „Diese Türe ist heute leider geschlossen.“

Ein Ort der Stille, emotionslos, wie es scheint.
Die Emotionen dieser Patienten waren zuvor so groß und übermächtig, dass sie drohten, diese Menschen zu zerstören. Hier wird versucht, sie von diesen starken Gefühlen zu befreien. Jeder von ihnen stand vor einem Abgrund, in den er ohne fremde Hilfe gestürzt wäre.

Zwei Sanitäter bringen eine kleine alte Frau. Sie schreit und tobt, weil sich in ihren Vorstellungen die ganze Welt gegen sie verschworen hat. Einen solchen Ausbruch traut man dieser zierlichen Frau eigentlich nicht zu.
Was hat ihre Seele so zerstört, dass sie am Ende ihres Lebens solchen Qualen ausgesetzt ist?
Keiner am Tisch fühlt sich gestört durch diesen Zwischenfall. Bald kehrt auch wieder Ruhe ein. Sie wurde in denselben Zustand wie ihre Mitbewohner versetzt und ist nun in deren gleichförmigen Alltag eingebunden. Mit dem Unterschied, dass sie den Pflegern Geschichten aus ihrem Leben erzählt, da ihr sonst niemand zuhört.
Wer spricht kann überwinden, was die Seele quält.
Das malende Mädchen drückt dies in ihren Bildern aus. Ihr einziges Motiv sind bunte Blumen. Vielleicht träumt sie ja von einer fröhlichen, heilen Welt.
Die alte Frau freut sich beim Anblick dieser Bilder, die für sie auch eine heile Welt verkörpern.

Ein lauter Gong zerreißt die Stille. Das Zeichen, sich in die Schlange für die Essensausgabe einzureihen.
Folgsam stehen die unterschiedlichsten Menschen in einer Reihe, sie haben nur diesen leeren Gesichtsausdruck gemeinsam.
Die alte Frau steht immer noch an der Seite und meint:“Eigentlich habe ich keinen Hunger. Außerdem erinnern mich Menschen-Schlangen an den Krieg.“
Spontan tritt der große, junge Araber aus der Reihe und nimmt die alte, kleine Frau in den Arm. Über beide Gesichter huscht ein kurzes Lächeln, bevor sie die Eintönigkeit wieder ergreift.

Für einen kurzen Moment schien ein Stern aufgegangen, in dieser Dämmerung.

Jeder von ihnen hat die Chance auf auf ein zweites, vielleicht besseres Leben und die Möglichkeit, nach dieser Therapie nochmals ganz von vorne anzufangen.
Kein Leben verläuft gleichmäßig, bei manchen Menschen sind die Täler einfach tiefer.


Montag, 22. Dezember 2014

Bei Ochs und Esel







„Wie feierst du Weihnachten?“ fragt mich Kollege Angelo und ich muss zugeben, dass es bei mir zur Zeit Stress mit der Verwandtschaft gibt. Ich schiebe den Gedanken daran etwas von mir.
„Deshalb habe ich darauf bestanden, mit meinem Mann Lucien in diesem Jahr alleine zu feiern.“ fährt er fort. „Mit seiner französischen Verwandtschaft gibt es jedes Jahr Streit und ich möchte diesmal ein friedliches Fest.“

Mit weit ausholenden Bewegungen, wie es sich für einen Italiener gehört und leicht entrückten Blick erklärt er mir:
„Weißt du, ich möchte so feiern, wie früher zu Hause in Neapel. Ich gehe zwar nicht in die Kirche, bin aber ein gläubiger Mensch. Wir sollten uns doch daran erinnern, dass wir den Geburtstag von Jesus feiern, der in dieser Nacht vor etwa 2000 Jahren zur Welt kam!“
Zusammen mit Lucien möchte er kochen, Musik hören und einen gemütlichen Abend verbringen. Alles ist schon vorbereitet.
„Ich habe einen Christbaum aufgestellt, der ist zwar etwas kitschig, aber mir gefällt das und darunter steht die Krippe für das Christuskind.“
Traditionsgemäß darf der Pannetone von Bauli, den er in der Markthalle gekauft hat auch nicht fehlen.
„Um Mitternacht nehme ich dann das Jesuskind und lege es in seine Krippe. So, wie wir es in Italien gemacht haben. Danach schneide ich den Pannettone an und dazu trinken wir ein Glas Champagner.“

Ich bekomme Gänsehaut, so sehr rührt mich seine Ausführung und zeige Angelo, wie sich auf meinem Arm die Härchen aufstellen. Von ihm kommt darauf ganz spontan:
„Wenn du Ruhe haben willst, dann feiere doch einfach mit uns!“
Natürlich werde ich diesen Abend mit meiner Familie verbringen, jedoch ist diese Einladung für mich ein ganz besonderes Geschenk, das mich ein wenig stolz macht.

Wir sollten uns den eigentlichen Gedanken dieser Nacht wieder bewusst machen. Menschen verschiedener Nationalitäten und Lebensformen versammeln sich friedlich, wie vor 2000 Jahren in einem Stall bei Ochs und Esel ...



Mittwoch, 17. Dezember 2014

The same procedure as every year






Der ruhigste Ort im Dezember ist die Damen-Abteilung im Kaufhaus.
Frauen sind während dieser Zeit mit ihren Weihnachts-Einkäufen beschäftigt, und weniger an Kleidung interessiert. Eventuell wird noch ein Schal zum Verschenken gesucht, oder sonst eine Kleinigkeit.
Dort ist auch nicht sehr viel von einer Weihnachtsstimmung zu spüren. Irgendwo steht zwar ein Tannenbaum, und die Musik-Berieselung bemerke ich auch nur noch bei genauem Hinhören.
Kurz vor dem Fest suchen manchmal verzweifelte Männer etwas, womit sie ihre Gattin oder Freundin beeindrucken können. Richtig rührend wirken sie in ihrer Hilflosigkeit. Ich gebe mein Bestes. Meistens sehen allerdings die verliebten Augen eines Mannes mehr oder weniger Kurven an ihrer Partnerin, als vorhanden. Haben wir dann zusammen etwas ausgesucht, sind sie so glücklich, als wäre ich ein Engel, der ihnen direkt vom Himmel geschickt wurde.

Am Ende solch eines Arbeitstages trete ich vor die Türe und blicke auf die reich und fantasievoll geschmückten Dächer der Buden des Weihnachts-Marktes. Die ganze Pracht wurde wohl deshalb auf die Dächer verlagert, weil unten durch die dichtgedrängten Menschenmassen der Blick verstellt ist.
Drangvolle Enge überall und ein Durchkommen ist ohne ein gemäßigtes Einsetzten der Ellbogen kaum möglich. Über allem schwebt eine Wolke von aromatisiertem Rotwein. In einer Nische, die durch das zurückwerfen der Schallwellen eine gute Akustik verspricht, stehen ein paar Bläser aus St. Petersburg und spielen Stille Nacht....(Die armen Einwohner von St. Petersburg haben vor Weihnachten keine Musik, weil alle ihre Musiker auf deutschen Märkten stehen).
Die Buden sind auf zwei Plätze verteilt, die durch ein Straße verbunden sind – da muss ich durch. Als wenn man versuchen würde, einen reißenden Strom zu durchqueren, bin ich bemüht, mir einen Weg zu bahnen, immer auf der Hut, nicht vom Glühwein verbrüht zu werden, oder in einem Kinderwagen zu landen.

Ich will meinen Zug erreichen! Beinahe erfasst mich Panik.

Atemlos und erschöpft erreiche ich dann doch meine Bahn, die überfüllt ist mit Personen, die sich, voll bepackt mit Tüten und Kartons ebenso auf dem Heimweg befinden. Manche haben auch etwas zu viel vom Glühwein genossen, und haben Mühe, die Richtung zu finden oder sich aufrecht zu halten.

Bei so viel Weihnachts-Rummel möchte ich zu Hause nur noch abschalten. Dort empfängt mich jedoch die Familie mit ihren Erwartungen.
Meine Mutter verkündet jedes Jahr trotzig, sie bleibe am Fest zu Hause vor dem Fernseher, was natürlich überhört wird.
Die Tochter besteht auf der Tradition, eines reich geschmückten Weihnachtsbaumes, und um uns zu entlasten, möchte sie dies auch selbst vornehmen. Zwei Tage zuvor kommt sie angereist, da sie sich vor Heilig Abend traditionell mit ihren Schulfreunden trifft. Solche Freundschaften sind etwas Seltenes, deshalb wird das Wiedersehen bis in die frühen Morgenstunden gefeiert.
Am nächsten Tag muss ich sie dann um die Mittagszeit, daran erinnern, dass sie den Baum schmücken wollte und sie deshalb langsam aufstehen sollte. Am Nachmittag haben wir dann auch jedes Jahr einen wunderschönen Baum mit Wachskerzen.

Die Ersten sind schon auf dem Weg zur Kirche. Es ist auch Beeilung angesagt, um einen Platz zu ergattern. Denn einmal im Jahr möchte man doch wenigstens für die Kirchensteuer etwas geboten bekommen.
Für mich beginnt in jedem Jahr Weihnachten, wenn vom Rathausturm die Turmbläser Weihnachts-Lieder spielen. Viele versammeln sich auf dem Platz davor und genießen mit mir, den Moment des Abschaltens von der Hektik.

Wieder zu Hause werden die Lichter angezündet und Geschenke verteilt, und anschließend versammeln wir uns um den Tisch zum Festessen. - Ohne einen riesigen Vogel, der uns mit seiner Masse zu erschlagen droht.
Ich koche gerne, sogar sehr gerne, was dazu geführt hat, dass die Ansprüche der Familie auch stetig wachsen. Nach drei Tagen, die ich fast ausschließlich in der Küche verbracht habe, ist der Enthusiasmus trotzdem etwas verflogen.

Am ersten Tag nach Weihnachten, beginnt in in der Damen-Abteilung das eigentliche Weihnachts-Geschäft. Fast jeder hat Urlaub, und den ganzen Stress hinter sich gelassen. Geldgeschenke werden in Waren umgetauscht, Gutscheine eingelöst, und die Männer, die vor wenigen Tagen noch so glücklich schienen, tauschen mit verlegener Miene um.

Ach wie freue ich mich auf den Neujahrstag, da ist Weihnachten noch so weit weg!





Sonntag, 7. Dezember 2014

MADE MY DAY






Seit ich überall diesen Life-Coaches, Mentaltrainern und Therapeuten begegne, fühle ich mich wie eine Feder im Wind.
Ganz im Hier und Jetzt lebend und frei von Zukunftsängsten.

Den Job gehe ich täglich mit Begeisterung an, allein weil er mich erfüllt und ich weder für Geld noch für den Chef arbeite. Sollte ich doch irgendwann dem Gefühl begegnen, in einer Sackgasse angekommen zu sein, habe ich jederzeit die Möglichkeit, alle Brücken hinter mir abzubrechen und eine völlig neue Richtung einzuschlagen.

Ich ignoriere die hilfesuchenden Anrufe meiner desorientierten Mutter und die Lebenskrise meiner Tochter. Es ist schließlich MEIN Leben, dem ich mit Achtsamkeit zu begegnen habe und mache mich frei, von dem Gedanken, die Erwartungen Anderer erfüllen zu müssen. Nichts und niemand hat das Recht mich zu vereinnahmen.

Morgens um fünf Uhr beginne ich mit der Meditation, während der ich zu meiner inneren Mitte finde, um danach mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen den jungen Tag zu begrüßen.

Doch eigentlich …

Im Hier und Jetzt ziehe ich mir die Bettdecke über den Kopf, weil ich keinen Bock auf diese Welt habe, die mir jeden Tag ein Stück von meiner Kraft raubt.
Manchmal sehnt man sich nur nach etwas Ruhe, aber im Alltag ist sie schwer zu finden.

Freitag, 21. November 2014

Glotz' TV!


Ja, glotz' mal wieder TV! Heute ist nämlich Tag des Fernsehens. Nach einem anstrengenden Arbeitstag hat man es sich schließlich verdient, satt und zufrieden auf dem Sofa zu sitzen und sich an dem spannenden Leben der Anderen zu ergötzen, wo man doch selber im täglichen Einerlei versinkt.

Sieh mal genauer hin! Lass dich nicht nur von den schönen bunten Bildern einlullen, die dir vorgaukeln wollen, wie das Leben da draußen aussieht. Verschließ nicht die Augen vor den hässlichen Bildern, bei denen man wegsehen möchte, weil sie unangenehm sind!
Es gibt in der realen Welt Millionen von Kindern die tagtäglich benutzt, mißhandelt und gedemütigt werden. Kleine Seelen, die für immer zerstört sind, denen das Recht auf ein freies, selbstbestimmtes Leben auch in der Zukunft nicht gegeben ist.

Denk mal dran, es könnte auch ein Kind in deiner Nachbarschaft betroffen sein und nicht ganz weit weg in Afrika oder Indien!

Heute ist nämlich auch der Tag der Kinderrechte.



Samstag, 15. November 2014

Gewissensbisse





Komm, wir gehen in das italienische Modehaus, wo heute ein Jubiläum gefeiert wird oder irgend etwas anderes. Auf jeden Fall gibt es Sekt gratis. Die sind mir ohnehin noch eine Antwort schuldig.
Stell dir vor, ich habe mich vor zwei Tagen für einen Mantel interessiert, der aber keinen Hinweis enthält, wo er hergestellt wurde. Auch konnte mir keine der Verkäuferinnen eine Auskunft geben. Ich habe verlangt, dass man bei der Herstellerfirma nachfragt, denn ein in China produziertes Kleidungsstück würde ich niemals kaufen.

-Hallo, wir möchten auch zwei Gläser Prosecco!

Man hört doch soviel darüber, unter welchen schrecklichen Umständen in diesem Land Kinder gezwungen werden für einen geringen Lohn zu arbeiten und ich soll dann 600 Euro für solch einen Mantel bezahlen! Das sehe ich wirklich nicht ein. Immer müsste ich an die armen Kinder denken.

Also weißt du, China ist mittlerweile auch kein Billiglohnland mehr. Seit es mit der Wirtschaft dort stetig aufwärts geht, werden höhere Löhne gezahlt.

Aber im Fernsehen zeigen sie doch so grässliche Bilder, wie Frauen unter den Trümmern von maroden Fabriken begraben werden. Daran möchte ich ganz bestimmt nicht die Mitschuld tragen.

Das ist in Indien passiert, was du da gesehen hast.
Dort sind die Zustände tatsächlich erschreckend, aber für die Mädchen ist es die einzige Möglichkeit, für sich und ihre Familien zu sorgen. Sollten wir nichts mehr kaufen, würden wir ihnen die Existenzgrundlage entziehen.
Die Konzerne müssen zum Handeln gezwungen werden.

Wenn das so ist, dann kaufe ich lieber einen Mantel beim Discounter. Da zahle ich dann weniger als die Hälfte und muss trotzdem kein schlechtes Gewissen haben.

Ach, schenken sie mir doch nochmals so einen Prosecco ein!
Wissen sie, mein Kreislauf ...





Sonntag, 2. November 2014

Unfrisierte Erinnerungen





In ganz Deutschland herrscht Goldgräberstimmung.
Kurz nach dem Fall der Mauer, im April 1990 sucht beinahe jeder sein Glück im anderen Teil der Republik. In Ostdeutschland ist man auf der Suche nach Jobs und westdeutsche Firmen erhoffen sich einen riesigen Markt im Osten.
So auch eine große Kosmetikfirma, die dort ihren Bekanntheitsgrad ausdehnen will. Zur Vermarktung ihrer Haarpflege-Produkte engagiert sie den süddeutschen Friseurverband.
Mein Friseur Heinz ist natürlich auch mit von der Partie, da er sich schon durch diverse Preise einen Namen erworben hat. Ich habe mich für ihn schon des öfteren als Frisuren-Model zur Verfügung gestellt, deshalb werde ich gleich mit engagiert.

Frühmorgens erwartet uns ein super moderner Luxusbus, bereits besetzt mit wichtigen Leuten aus dem Management der Innung und der Kosmetikfirma, ein paar Jungfriseuren und noch mehr Models.
Etwas schläfrig, und von der Bus-Disco berieselt fahren wir gen Osten.
Erst als sich die Landschaft in ein sattes Grau verwandelt, bemerke ich, dass wir den Westen verlassen haben. Bald ragen aus dieser Ödnis überraschend weiße Flaggen mit roter Aufschrift. - „Toyota“ war schon vor uns da und je näher wir Leipzig kommen, desto mehr Autofirmen begegnen uns. Bei der bislang chronischen Unterversorgung, erhoffen sie sich einen riesigen Boom.
Unser Bus scheint ungewöhnliche Aufmerksamkeit zu erregen. Als wären wir Pop-Stars, stehen Menschen am Straßenrand und winken uns zu. Das Gefühl, so freundlich empfangen zu werden, ist einerseits überwältigend, andererseits einigermaßen irritierend. Womit haben wir uns das verdient? Heißt man uns als Gäste willkommen, oder als Botschafter der lang ersehnten Kulturgüter?
Auf dem Weg zu unserem Auftrittsort fahren wir durch die Innenstadt von Leipzig. Mit ihren alten Gebäuden wirkt sie sehr beeindruckend. Wenn nur nicht alles von diesem Grau überzogen wäre, hervorgerufen durch den Ausstoß der Braunkohle-Heizungen.
Noch ist auf den Gehwegen vor einigen Kellerfenstern Braunkohle aufgehäuft und wartet darauf, in die Keller befördert zu werden.

Bevor wir der Stadt etwas bieten, werden wir zum Essen eingeladen. In ein großes Speiselokal in dem zu seiner Zeit Staatssekretär Honecker bei seinen Besuchen zu dinieren pflegte. Das Lokal besitzt die nüchterne Atmosphäre einer Bahnhofshalle, ist aber durch unzählige kleine Lampen an der Decke hell erleuchtet. Die Kellner, an den Umgang mit prominenten Gästen gewöhnt, sind flink, devot und zu keinem Lächeln bereit.
So verwöhnt, brechen wir auf, um in einem Rundbau in der Innenstadt das Abendprogramm zu gestalten. Bei unserem Eintreffen sind alle noch mit den Vorbereitungen beschäftigt.
Bevor sich der Saal füllt, wird noch eifrig geputzt.
Das Interesse ist überwältigend. Der Saal ist bald bis zum letzten Platz besetzt.
Heiz beginnt die Schere zu schwingen. Haare fliegen während er erklärt und seine kleinen Anekdoten und Witze erzählt. Der Föhn summt, es wird toupiert und zuletzt verschwindet die ganze Pracht in einem Nebel von Haarspray. Ich präsentiere das Kunstwerk auf der Bühne von allen Seiten. Die anderen Models gesellen sich mit ihren Kreationen dazu und das Publikum applaudiert mit großer Begeisterung.
Der größte Teil des Abends wäre somit bestritten. Ganz zum Schluss ist noch ein „Lambada“, von uns getanzt vorgesehen, auf besonderen Wunsch von ein oder zwei reiferen Herren vom Management. Aber zuvor steht noch eine musikalische Einlage von Musikern des Gewandhaus-Orchesters auf dem Programm.
Man stelle sich vor, da kommen ein paar Friseure mit ihren Modellen aus der Provinz und treten zusammen mit dem weltberühmten Gewandhaus-Orchester auf!
Bei den Klängen einer Komposition von Bach herrscht andächtige Stille. Wir sind überwältigt. Erfüllt von diesem wunderbaren Konzert möchte man im Anschluss nur nach Hause gehen und den Nachhall genießen.
LAMBADAAAA !!!
In unseren pinkfarbenen Röckchen und den knappen Oberteilen sind wir an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Jeder von uns spürt dies, aber da die Organisatoren es sich so wünschen, muss die Show weitergehen. Vielleicht hält man uns nun im Osten für Banausen ohne Kunstverstand.

Nach unserem unrühmlichen Abgang in Leipzig wird alles schnell zusammengepackt und im Bus verstaut, da wir noch am selben Abend weiterfahren. Nach Karl-Marx-Stadt oder Chemnitz, so genau weiß man das noch nicht. Die Entscheidung über den neuen, endgültigen Städtenamen steht noch aus.
Gegen Mitternacht kommen wir dort an, um im besten Hotel der Stadt zu übernachten. Auf dem Platz davor prangt ein monumentaler Kopf von Karl Marx, der mit versteinerter Miene geradeaus blickt, was höchstwahrscheinlich am Material liegt, aus dem er geschaffen ist.
Wie Johannes der Täufer nach der Enthauptung thront dieser Kopf auf einem Sockel. War nur sein Kopf von Bedeutung? Das Herz und was sonst noch eine Menschen ausmacht, ist zu vernachlässigen? Ich bin zu müde, um mir weitere Gedanken darüber zu machen.
Das Zimmer, welches ich mir mit einem anderen Model teile, erinnert mich an ein Kinder- oder Jugendzimmer. Die zwei Betten aus Pressspan stehen hintereinander und haben einen Umbau mit verschiedenen Fächern.
So schnell wie möglich ins Bett! Nur noch Waschen und Zähneputzen.
Das Bad! - In einem 1. Klasse Hotel hätte ich niemals erwartet, solch ein Bad vorzufinden.
Eine schwarz gekachelte Höhle, unterbrochen von komplett anders gestalteten Fliesen. Es wurde wohl eingebaut, was gerade aufzutreiben war.
Am Wasserhahn über dem Waschbecken hängt ein kleiner orangefarbener Gummischlauch. Zuletzt sah ich das bei meiner Großmutter auf dem Bauernhof über dem Spülstein.
Beim Blick in die Dusche, eröffnet sich mir eine fremde Welt. Die Mulde will man nicht unbedingt mit bloßen Füßen betreten und beim Blick nach oben, in Richtung des Duschkopfes, ragen von der Decke lange, schwarze Schlieren wie die Stalagmiten einer Tropfsteinhöhle.
Da stellt sich nun die Frage: Was ist hygienischer, sich in diese Tropfsteinhöhle zu stellen, oder ausnahmsweise nicht zu duschen. Ich entscheide mich für Letzteres.

Nach der morgendlichen Katzenwäsche und dem Frühstück soll es zu unserem nächsten Auftrittsort, einem sogenannten „Volkseigenen Betrieb“ gehen. Das „Management“ ist mit dem Bus bereits vorausgefahren. Wir Modelle werden von Heinz in einem nahegelegenen Friseursalon für den Auftritt vorbereitet. Zurück im Hotel bittet er die Dame an der Rezeption, uns ein Taxi zu rufen.
Mehrmals, und mittlerweile ziemlich nervös, weil ohne Erfolg, dreht sie an der Wählscheibe ihres roten Telefons.
„Mit einem roten Telefon kommt man bei uns direkt zu Gorbatschow und hier reicht die Verbindung nicht mal bis zum nächsten Taxistand!“ meint Heinz nun doch etwas ungeduldig.
Der jungen Frau steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben: “Es ist Sonntag und bei uns ist heute Jugendweihe, da sind alle Taxis ausgebucht.“
Irgendwann steht dann doch ein „Wartburg“ vor dem Eingang. Für vier Fahrgäste wird es ziemlich eng, aber sowohl für den Fahrer, als auch für uns wird die Fahrt ein heiteres Erlebnis.
Im „VEB“ bekommen wir in der Kantine ein Mittagessen serviert, bei dessen Anblick das Wort Sättigungsbeilage eine eigene Bedeutung erhält.

Vielleicht liegt es an der Tageszeit, oder an der Lokalität, oder auch an der Jugendweihe, dass die Zuschauer an diesem Nachmittag nicht so zahlreich erscheinen, wie am Abend zuvor.
Zwischen dieser Stadt und uns will ein Sympathiefluss noch nicht ungehindert strömen.

In Karl-Marx-Stadt (oder Chemnitz) halten wir uns nicht mehr lange auf. Das nächste Ziel unseres Werbefeldzuges in den Osten ist Dresden. Die Perle Sachsens, die durch den Krieg ein schweres Erbe angetreten hat. Ich bin wirklich neugierig, was man uns vierzig Jahre vorenthalten hat.
Am späten Sonntag-Nachmittag erreichen wir Dresden.
Entlang der Elbe fahrend, eröffnet sich uns auf der gegenüberliegenden Seite der Blick auf die wunderbare barocke Silhouette der Stadt mit ihren alten Gaslaternen und den restaurierten Gebäuden.

In der Prager Straße sollen wir in einem Friseursalon für unseren nächsten Auftritt vorbereitet werden.
Was ist nur aus dieser einst prachtvollen Flaniermeile geworden? - Eine kahle Betonwüste!
Der Salon ist für diese exponierte Lage viel zu groß. Im Westen wäre die Miete unbezahlbar.
Wir nehmen Platz auf den Sesseln, einem Standartmodell, dem man hier überall begegnet. In der Luft liegt der leicht ätzende Duft von Dauerwell-Tinktur und auf den Frisiertischen stehen unbeschriftete Fläschchen mit toxisch anmutenden Flüssigkeiten in rot, gelb und blau. Haarfärbemittel. Glücklicherweise müssen wir nicht darauf zurückgreifen.
Der Besitzer ist äußerst stolz, uns bei sich empfangen zu dürfen. Er hofft auf einen Vertrag mit der Kosmetikfirma, die ihm den Salon modernisieren soll. (Nicht nur er wartet auf die versprochenen blühenden Landschaften.)

Dem Dresdener Publikum stellen wir uns am Abend im Hygiene-Museum vor.
Im weitesten Sinne bieten wir zwar auch Körperpflege an, aber im Museum...? Vom gläsernen Menschen, der dort stehen soll habe ich gehört. Auf Knopfdruck kann man die einzelnen Organe zum Leuchten bringen, aber wie will man uns dort in Szene setzen?
Tatsächlich gibt es auch noch einen großen Saal, in dem für uns ein langer Laufsteg aufgebaut wurde.
Vor ausverkauftem Haus, präsentieren wir nochmals internationales Friseur-Handwerk.
Voller Schwung, im Takt der Musik betrete ich solo den Laufsteg.
… zack – das Licht ist weg. Mich umgibt rabenschwarze Nacht. Wir haben es wohl geschafft, das Stromnetz zum Erliegen zu bringen. Hilflos und regungslos stehe ich da.
Doch man hat dort alles im Griff. Die Scheinwerfer sind wieder auf mich gerichtet und ich kann meinen Lauf beenden. Sogar ein extra Applaus wird mir zuteil, oder soll er den patenten Handwerkern gelten, die im Hintergrund das Malheur so schnell behoben haben?

Kein 'Lambada' zum Abschluss, dafür werden Geschenk-Sets, die einen Fön und Haarpflegemittel enthalten an einige Zuschauer in den vorderen Reihen verteilt.
Der Gedanke an eine Raubtierfütterung drängt sich auf, wie die Hände sich gierig nach den Plastik-Beuteln ausstrecken.
Auf diese Weise wird mit Sicherheit der falsche Eindruck vermittelt, im Westen sei alles im Überfluss vorhanden und große Geschenke werden einfach unters Volk geworfen. Dabei ist doch die einzige Bestrebung, in den Menschen, die noch nicht durch eine Werbe-Flut abgestumpft sind die Sehsucht nach dieser Marke zu wecken, der sie von nun an ein Leben lang die Treue halten sollen.
„Sitzt im Publikum eine Frau, die in nächster Zeit heiraten möchte?“
Sofort wird eine Hand nach oben gestreckt.
„Haben sie schon ein Brautkleid? Noch nicht? - Dann bekommen sie von uns eines geschenkt!“
Weinend vor Glück und unter tosendem Applaus nimmt die junge Frau den Traum in Weiß entgegen.

Zwei erfolgreiche, aber anstrengende Tage liegen hinter uns. Müde, aber immer noch angespannt fahren wir zu unserem Nachtquartier.
„Nach Bautzen!? - Das ist doch ein berüchtigtes Gefängnis!“
Was erwartet uns wohl heute?
Im Gefängnis landen wir nicht, dafür in einer von einem freundlichen Ehepaar privat geführten Pension mit beinahe westlichem Standard. Die absolute Krönung ist das kalte Buffet, das für uns aufgebaut wurde. Nach dem Entzug von kulinarischen Highlights stürzen wir uns auf belegte Wurst- und Käsebrote, Spreewälder Gurken, Eiern und, und, und...
Dazu Radeberger Pils, was auch die allgemeine Stimmung merklich steigen lässt. Das Wirts-Ehepaar bedient uns zuvorkommend, reserviert und etwas unsicher, ob man diesen verrückten Wessies wirklich trauen kann.
„Gibt's auch Rotkäppchen-Sekt hier?“ erkundigt sich Heinz und erzählt einen Witz nach dem anderen. Natürlich bekommen wir auch den gewünschten Sekt und Heinz lädt die Wirtsleute ein, sich zu uns an den Tisch zu setzen. Der Alkohol zeigt seine Wirkung und bald dürfen wir auch über Sachsen-Witze lachen.
Bis zur wirklichen Einheit ist es noch ein langer Weg, aber ein winziger Anfang ist gemacht.