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Freitag, 30. November 2018
BLACK BOX
Suchen wir die Seele, werden wir sie nicht finden, denn anatomisch gesehen, existiert sie nicht.
Im Herzen, dem man zuschreibt, der Sitz unserer Empfindungen zu sein, hat man sie auch nicht gefunden und trotzdem wissen wir, dass da etwas ist, das größer ist als wir und uns beherrscht.
Wie alles, was für uns nicht greifbar ist, wird auch sie mit Mystik überzogen.
Geht es uns gut, fließt unsere Seele wie ein Bächlein in der Sonne ruhig dahin.
Sind wir vom Glück überwältigt, bläht sie sich auf wie ein Luftballon als wolle sie den Körper sprengen.
Manchmal aber leidet sie und schmerzt, wenn sie getreten, misshandelt und verletzt wird. Es bleiben dann Narben und Wunden, die nicht heilen.
Die Seele ist unsere Black Box, in der unser ganzes Leben gespeichert ist. Wenn die Hülle zerfällt, ist sie alles, was bleibt. Stirbt ein Mensch, öffnet man das Fenster und entlässt sie ins Universum, damit sie sich einen Platz in der Ewigkeit suchen kann.
Jedes mal, wenn sich ein lebender Mensch an solch eine alte Seele erinnert, kommt sie für einen kurzen Moment zum Leuchten.
Sonntag, 4. März 2018
CIAO BELLA !
Mit beginnendem Wohlstand keimte nach entbehrungsreichen Zeiten die Sehnsucht nach fremden Ländern in der deutschen Seele. Als erstes folgte man unserem geschätzten und bedeutenden Reiseführer Goethe in das Land, wo die Zitronen blühen – nach Italien.
So packten auch meine Eltern 1962 die kleine Schwester und mich in unseren roten Borgward, und fuhren zu neuen Ufern mit Ziel Alassio an der Riviera. Zwar hatten wir ein Hotel mit Vollpension am Strand gebucht, aber weil man der fremden Küche etwas skeptisch gegenüberstand, nahm man außer leichter Sommerkleidung vorsichtshalber noch Schinkenwurst in Dosen aus der Region und Nescafé in Pulverform mit.
Nach der Überquerung der Schweizer Alpen, öffnete sich vor uns ein quasi neuer Kontinent.
„Die Italiener können halt Straßen bauen“, bemerkte meine Papa, als Bauingenieur und somit Fachmann voller Bewunderung.
Tatsächlich lag vor uns der Asphalt wie schwarzer Samt und unser Auto glitt dahin, dass die Stoßdämpfer arbeitslos wurden. Gut, diese Straßen waren alle neu, wogegen unsere rumpelnden Betonpisten auf tausend Jahre ausgelegt waren.
Mit meinen zehn Jahren saugte ich all die fremden Eindrücke begierig auf.
Überall flitzen junge Männer auf ihren Vespas durch die engen Straßen und umkurvten laut hupend winzige Autos und schicke Cabriolets. Quer auf dem Sozius saßen Signorinas und ihr ausladender Petticoat bauschte sich im Fahrtwind. Aus den Koffer Radios drang Musik zum Dahinschmelzen. Rocco Granata besang voller Inbrunst seine Marina und der wilde Rotschopf Rita Pavone forderte zum Twist auf.
Über allem schwebte ein Hauch von Amore und die Sonne beschien die lärmende Fröhlichkeit.
Ich konnte es kaum erwarten, siebzehn zu werden, um an diesem Leben voller Leichtigkeit teilzuhaben.
Neugierig machten mich auch diese fremden Gerüche, die überall in der Luft lagen. In einigen Gassen konnte man Essen direkt von der Straße aus kaufen. (Bei uns musste man immer durch eine Tür den Laden betreten.) Dort lagen Tomaten auf warmem Hefeteig, was herrlich duftete. Bisher kannte ich nur süße Kuchen, deshalb fragte ich meine Mutter nach dem Namen dieses Gebäcks.
„Das ist ein Tomatenkuchen, aber das schmeckt uns nicht.“
Die erste Pizza meines Lebens durfte ich nicht probieren.
Auch im Hotel gab es Neues zu entdecken. Eierfrüchte zum Beispiel, ein Gemüse, das es mir angetan hatte. Später lernte ich es als Auberginen kennen, das aber keinen Einzug in unserer heimatlichen Küche fand. Dann gab es noch diese langen Spagetti (für uns ohne „h“). Zu ihrer besseren Handhabung aßen wir mit Messer und Gabel.
Im Gegensatz zu meinen Eltern vermisste ich die deutsche Küche nicht. Trotzdem besuchten wir drei Jahre in Folge dieses wunderbare Land.
Die nächsten Urlaube verbrachten wir in Österreich und meine Träume nahmen somit ein jähes Ende. Außerdem entwickelte ich mich zu einem pummeligen Teenager, der auf einer Vespa nie die Grandezza einer Italienerin ausgestrahlt hätte.
Italien kam zu uns. In Gestalt von jämmerlichen, dürren Gestalten, ohne Lebenslust und Eleganz, wie ich es an der Riviera erlebt hatte. Sie sollten uns ebensolche wunderbaren Straßen bauen, wie sie es in ihrem Land bereits vorgemacht hatten. Auch in anderen Bereichen gab es viel Arbeit, aber zu wenig Menschen.
Man gab ihnen Notunterkünfte, wo mehrere Männer zusammen in einem Zimmer mit Minimalausstattung hausten, weil ihr Aufenthalt ja nur vorübergehend sein sollte. Was sie aber am meisten neben ihren zurückgelassenen Familien vermissten, war die heimische Küche.
Auf ihrer langen Reise von Sizilien und Calabrien transportierten sie später in ihren alten Koffern und Pappkartons die geliebte Pasta und es entstand ein neuer Geschäftszweig. Einige machten sich es bald zur Aufgabe, sich um ihre kulinarisch unterversorgten Landsleute zu kümmern.
Es entstanden kleine Lokale mit einfachen Holztischen und Stühlen. Zur Ausstattung gehörte als wichtigstes Element eine gigantische, silbrig glänzende und gefährlich fauchende Kaffeemaschine, auf die laufend eingeschlagen wurde. Man traf sich auf einen Espresso und palaverte stundenlang lautstark. Es war ein Stück Heimat in einer fremden, kalten Welt.
Unter der Brücke, die ich ständig zu überqueren hatte, gab es eine Baustelle. Dort arbeiteten diese jungen, schwarzhaarigen Männer, die im Sommer ihre nackten, braungebrannten Oberkörper zeigten. Ein Konzert von anerkennenden Pfiffen und den Rufen „Bella Signorina!“ begleiteten mein Defilé regelmäßig.
Bisher fand ich als kleiner Pummel keinerlei Beachtung, aber diese Männer weckten die Weiblichkeit in mir.
In meinem zarten Alter, ohne diesbezügliche Erfahrung, fühlte ich mich ihren Blicken ausgeliefert, deshalb versuchte ich, diesem Konzert so schnell wie möglich zu entkommen. Sobald ich allerdings diesen gefährlichen Ort hinter mir gelassen hatte, begann ich diese Bewunderung zu genießen und weihte meine Freundin mit unterdrücktem Stolz in meinen neuen Erfahrungsschatz ein. Meinen Eltern jedoch wollte ich mich nicht anvertrauen, sie hätten nur Unheil gewittert.
Alle Mädchen wurden vor diesen „Spaghettifressern und Messerstechern“ gewarnt, sie galten als suspekt und gefährlich.
Manche aber erlagen dem südländischen Charme, was meist zu häuslichen Dramen führte.
Durch harte Arbeit und äußerste Sparsamkeit brachten es viele bald zu einem gemäßigten Wohlstand und einer ordentlichen Wohnung. Die Familien kamen nach und trotz Heimweh, zog es niemanden zurück in den armen Süden.
Alles, was wir am italienischen Lebensstil so lieben, wurde kopiert. Dafür gaben wir gerne einen Teil unserer Identität auf. Spaghetti lernten wir richtig zu schreiben und mit der Gabel zu drehen, und Pizza wurde auch zu unserem Nationalgericht erklärt.
Unsere Gesellschaft befindet sich in ständigem Wandel und jede Generation gestaltet sie neu.
Wer über einen längeren Zeitraum zurückblicken kann, entdeckt bei genauem Hinsehen Gesetzmäßigkeiten.
Auch heute reisen wir in fremden Länder und wissen oft nichts über deren Bewohner, weil man das Hässliche einfach ausblendet.
Sonntag, 21. Januar 2018
VOM ZERSTÖREN UND BEWAHREN
Der Januar legt sich voller Schwermut auf Natur und Menschen. Alles verschwindet im Einheitsgrau, durchbrochen von Regen, Schnee und Orkan Friederike. Mit einer ungeheuren Zerstörungswut fegt er übers Land. Er reißt Bäume, samt Wurzeln aus der Erde und schwere Lastzüge werden umgeworfen, als wären sie Spielzeug.
Wer nicht muss,vergräbt sich in seinen vier Wänden und ergibt sich seiner Melancholie.
Mein Pflichtgefühl sagt mir, ich müsse zur Geburtstags-Gratulation antreten, aber kann ich mich so verleugnen, Menschen zu begegnen, die mit kaltem Herzen die Vergangenheit ausradieren? Es kann doch nichts gedeihen, wenn man die Wurzeln kappt.
Meine Zeit ist mir allmählich zu kostbar, um sie mit den falschen Menschen zu verbringen, deshalb folge ich spontan der Einladung von Wilhelm, ihn und seine Frau in seinem alten Bauernhaus zu besuchen, das er mit viel Liebe und Arbeit zu neuem Leben erweckt hat.
Als ob die alten Balken und die tausend Gegenstände, die gesammelt und in ihrer Ursprünglichkeit bewahrt wurden ihre Geschichten erzählen müssten, hat man das Gefühl, dass hier alles lebt und ihre Stimmen beinahe zu hören sind. In jedem, der vielen Räume, die alle ihren eigenen Charakter besitzen türmen sich Bücher in Regalen bis unter die Decke.
Nicht nur der Ofen aus alten, gesammelten Schamotte-Steinen, sondern auch die Menschen in diesem Haus strahlen eine wohlige Wärme aus, während draußen Friederike tobt.
Zur gleichen Zeit wird ein Kind geboren, das denselben Namen wie meine Tochter bekommen soll. Ist dies nicht ein Beweis, eine Freundschaft auf ganz besondere Weise bewahren zu wollen? Einen Namen verbindet man immer mit einer Person, die dahintersteht und niemand möchte sein Kind mit einer schlechten Assoziation belegen.
Es ist nicht die Lösung unserer Probleme,in der Vergangenheit zu verharren, aber es erdet und lässt Stürme überstehen. Für ein paar Tage gefangen in dieser Stimmung, brauche ich auch etwas bodenständiges in den Magen. Mir ist nach Bratkartoffeln mit Spiegelei in einem historischen Gasthaus,die mir an einem Tisch neben einem alten Backofen serviert werden. Trotz Warnung traue ich mich aus dem Haus, es ist aber nur eine kurze Distanz zu überwinden.
Bald werden uns die ersten Sonnenstrahlen aus unserer Grauzone reißen. Dann begegnen wir den Tagen auch wieder mit mehr Leichtigkeit.
Sonntag, 7. Januar 2018
DIE FRAU UND IHR FRISEUR
Mit Preisen schon in jungen Jahren hochdekoriert, eröffnete Friseurmeister Heinz einen Salon für Damen und Herren. Während der Hippie-Bewegung, Anfang der 70er bedurfte es dazu einer großen Portion Optimismus, denn man gestand den Haaren beiderlei Geschlechts dieselbe Freiheit zu, für die wir damals kämpften. Alles sprießte unkontrolliert vor sich hin und ein gepflegter Haarschnitt entlarvte den Spießer.
Irgendwann entdecke ich, an meiner bis zur Taille reichenden Mähne weiße Spitzen – Spliss. Um den Rest zu retten, betrete ich nach ein paar Jahren Abstinenz eben diesen Salon.
Wirklich nur die kaputten Spitzen sollen abgeschnitten werden, also nicht mehr als ein halber Zentimeter. Zu meiner Beruhigung wird mir erklärt, es gäbe eine bessere Methode, als zu schneiden – man brennt die kaputten Spitzen ab.
In einer langwierigen Sitzung wird von einer jungen Friseurin Strähne für Strähne abgeteilt und eng gedreht. Die abstehenden Haarenden brennt man mittels einer Kerze ab. Sie versteht ihr Handwerk, aber vielleicht fraß sich die Flamme bei einer Kundin unkontrolliert weiter. Jedenfalls wird diese Methode heute nicht mehr angewandt.
Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Mode. Allmählich legt man wieder Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Angesagt sind nun wallende Mähnen mit geföhnter Außenwelle, nach dem Vorbild von Farrah Fawcett, einem der Engel für Charlie.
„Ohne Dauerwelle hält das bei dir nicht“, holt man mich umgehend in die Realität zurück. Aber so schnell gebe ich nicht auf und lasse mich zu einer 'leichten' Dauerwelle überreden. Die ist allerdings noch nicht erfunden und das Ergebnis entsprechend schrecklich. Statt großzügiger Wellen kringeln sich auf dem ganzen Kopf lauter Schmalzlocken.
Kurz zuvor lernte ich meinen zukünftigen Ehemann kennen und befürchte, bei diesem Anblick könne er das Weite suchen. Also, weg mit den Locken und hin zu einer schulterlangen Fönfrisur mit Innenrolle! - Ein Klassiker, der noch heute die Köpfe von Mireille Mathieu und einem deutschen Schlagersänger ziert.
So klappt es dann auch mit der Hochzeit.
„Es gibt jetzt eine ganz neue, schonende Dauerwelle. Man lässt hinterher die Haare nur noch an der Luft trocknen, ohne Föhn und Wickler“, macht mir Heinz diese neue Technik schmackhaft. Immer offen für Neues, lasse ich mich überreden und nicht nur ich bin vom Ergebnis begeistert.
„Beim Stadtfest wird auf dem Marktplatz ein Podest aufgestellt, auf dem ich die neuen Frisuren präsentiere, dabei möchte ich diese neue Dauerwelle vorstellen. Machst du mit?“
Als introvertierte, junge Frau und voller Selbstzweifel, denke ich sofort an Flucht.
„Du musst nur auf einem Stuhl sitzen, während ich dich frisiere. Danach stehst du auf und drehst dich einmal. Das ist alles!“
Mein Widerstand schwindet langsam und allmählich bin ich bereit, mich der Herausforderung zu stellen.
Etwas unsicher steige ich die Stufen zum Podest hoch und stelle gleichzeitig entsetzt fest, was die Ehe aus mir gemacht hat. Früher trug ich die verrücktesten Klamotten und die kürzesten Röcke und jetzt … Rock und Bluse!
Alles wird unter einem Umhang versteckt und die Blicke des Publikums saugen sich an mir fest.
Bald ist alles vorbei und ich überstehe diese Zurschaustellung ohne seelischen Schaden . Der warme Applaus macht mich sogar ein bisschen stolz.
Am selben Abend noch, lädt mich Heinz ein, drei Wochen später bei einer Schulung in Karlsruhe zusammen mit ein paar anderen jungen Frauen Modell zu sitzen. Ein Kosmetikkonzern organisiert diese Veranstaltung. Wir bekommen dafür sogar ein Outfit gestellt, um ein einheitliches Bild zu präsentieren. Der Sorge, wie ich meinen Hausfrauen-Look loswerde, bin ich also enthoben.
Die Anzahl der Plätze in den Schulungsräumen ist begrenzt, außerdem ist diese Veranstaltung nur für ein geladenes Fachpublikum. Interessiert wird verfolgt, welches hervorragende Ergebnis man mit der neuen Dauerwelle, oder den Colorationen dieser Firma erzielt.
Es folgen noch viele Veranstaltungen. Meistens vor Fachpublikum in kleinen Städten mit kleinen Veranstaltungsräumen, oder in großen Städten, wie Frankfurt oder Düsseldorf vor großem Publikum. Kreuz und quer ziehen wir als geschlossene Truppe, mit mehreren Frisuren-Modellen durch Süddeutschland. Dabei wird viel gelacht, weil Heinz immer einen Witz oder flotten Spruch auf Lager hat und es entstehen Freundschaften über viele Jahre.
Ich verfüge über einen schnell nachwachsenden Rohstoff, wohl deshalb werde ich in kurzen Abständen immer öfter engagiert und zudem weicht meine rote Naturhaarfarbe vom beliebten Blond ab. Heinz schätzt außerdem, dass ich ein ordentliches Maß an Geduld mitbringe, ohne zu zicken oder in Tränen auszubrechen, wenn ich einen ausgefallenen, modischen Haarschnitt verpasst bekomme.
Ich lerne bald, wie man sich professionell auf einem Laufsteg bewegt (lange, bevor 'unsere' Heidi dies der Nation zeigt). Richtige Shows mit Tanzeinlagen werden einstudiert. (Meine jahrelange Tanzausbildung erweist sich so doch noch als sinnvolle Investition.) Das Publikum ist begeistert, obwohl mit einigem Abstand betrachtet, wirkt die Darbietung eher etwas selbstgestrickt. Die Frisuren dagegen, zeugen von hoher Professionalität und Heinz ist nicht nur ein Meister an der Schere, sondern versteht es auch, Menschen zu unterhalten.
Zwei Stunden dauert es, um mit vier Händen einem Mädchen die vielen Zöpfchen zu flechten, mit denen Bo Derek in die Filmgeschichte eingeht. Im großen Saal der Stuttgarter Liederhalle wird dieses Werk auch gebührend beklatscht.
Im Gegensatz zu vielen Menschen, habe ich das Fernsehen nie gesucht – es hat mich gefunden. Im Frühjahr und im Herbst werden wir fürs Regionalprogramm gefilmt, um die aktuellen Trends zu zeigen. Abends wartet man gespannt vor dem Fernseher, wie viele Schnipsel von einem Drehtag übrig geblieben sind.
Die Selbstzweifel bleiben, aber ich lerne sie zu verdrängen. Das Leben ist leicht und trotz Job und Familie vergehen dreizehn Jahre als eine einzige Party.
Mit Ende dreißig ist der Zenit eigentlich längst überschritten. Unsere feste Truppe gleichaltriger Modelle löst sich nach und nach auf. Man kommt sich auch irgendwie albern vor, wenn die nachrückenden Mädchen zwanzig Jahre jünger sind als man selbst.
Zum Abschluss gibt es aber noch ein besonderes Highlight. Kurz nach der Maueröffnung organisiert der Kosmetikkonzern, für den wir werben zusammen mit der Innung Veranstaltungen in Leipzig, Chemnitz und Dresden. Die Segnungen des Kapitalismus sollen nun auch den Osten beglücken.
Es ist ein großartiges Gefühl, mit weit geöffneten Armen, von einem hungrigen Publikum empfangen zu werden, das sich für unser berechnendes Marketing noch sehr aufgeschlossen zeigt.
Trotz des etwas unguten Gefühls, das mich beschleicht, ist es ein unvergessliches Erlebnis.
Die Party ist vorbei und das Leben belädt mich mit einem Rucksack, den das Schicksal nach und nach befüllt. Auch Heinz muss ein paar Schläge einstecken. - Nichts ist mehr so leicht, wie es einmal war.
Das Gewicht meines Rucksacks nimmt über die Jahre zu und manchmal wird diese Last so schwer, dass man meint, sie nicht mehr alleine tragen zu können. Ein Therapeut würde allein fürs Zuhören Geld verlangen. Ich habe meinen Friseur. Er hört mir zu. Freiwillig und nicht nur, weil ich ihm ausgeliefert bin. Umsonst ist dies auch nicht, aber als Dreingabe gibt es eine neue Frisur, was in jeder Krise ohnehin hilfreich wirkt.
Eine Frau und ihr Friseur, dies ist vielleicht die intimste Verbindung, die es gibt. Niemand sonst kennt die Sorgen und Nöte seiner Kundinnen so gut wie er.
Mittlerweile hat Heinz das Rentenalter längst überschritten. Ans Aufhören dachte er auch für kurze Zeit, aber jemand, der sein ganzes Leben für seine Arbeit brennt, ohne jemals Urlaub zu machen tut sich schwer mit solch einer Entscheidung. Es blieb vorläufig beim Kürzertreten, nur ist sein Terminbuch immer noch so gefüllt, dass auch dies nicht zur Durchführung kam. Zudem verlangen verschiedene Ämter bei Innung und Verbänden, sowie Schulungen und Lehrlingsausbildung immer noch seinen Einsatz.
Manche Menschen begleiten uns durchs ganze Leben und werden dabei so selbstverständlich, dass man nicht bemerkt, wie unersetzlich sie geworden sind.
Deshalb setze ich meinem Figaro hiermit ein kleines Denkmal, als besonderen Dank.
Dienstag, 5. Dezember 2017
EIN WINTERMÄRCHEN
Die Landschaft wirkt wie verzaubert. Anfang Dezember 1958 ist sie schon mit einer dicken Schneedecke überzogen.
„Nachher fahre ich auf die Alb, Lucie. Ich nehm' dich mit, aber zieh dich warm an, es ist sehr kalt draußen!“
Die fünfjährige Lucie steht schon kurz darauf in Mantel, Schal und Mütze da, gespannt auf den Ausflug mit ihrem Papa.
„Vergiss nicht, deinen Wunschzettel mitzunehmen! Unterwegs halten wir am Nikolaus-Häuschen und danach besuchen wir Hänsel und Gretel!“
Papa kennt die schönsten Märchen und heute soll sie eines in Wirklichkeit erleben!
„Der Nikolaus ist doch so ein armer, alter Mann, und immer muss er frieren in seiner Hütte. - Weißt du was, wir legen ihm zusammen mit deinem Wunschzettel ein paar warme Socken und ein Butterbrot ans Fenster!“
Lucie kann es kaum erwarten, bis es endlich losgeht.
Im letzten Jahr, ist sie dem Nikolaus zum ersten Mal begegnet, als er sie zuhause, mit einem großen Sack voller Geschenke besucht hat .
Mit einem Glöckchen klingelte er an der Haustüre, um eingelassen zu werden. Mama öffnete ihm und führte ihn ins Wohnzimmer, wo er in einem tiefen Sessel Platz nehmen durfte.
An den alten Mann mit dem langen, zottigen Bart kann sich Lucie noch sehr gut erinnern.
Ein wenig unheimlich war ihr diese seltsame Gestalt, die mit der roten Nase und den roten Backen ganz verfroren aussah. Obwohl zwischen dem ausladenden Bart vom Gesicht kaum etwas zu erkennen war.
Sein Mantel schien ziemlich abgewetzt und wurde nur mit einer Schnur um den Bauch zusammengehalten. Auf dem Kopf trug er eine weiße Mütze, die aussah, wie eine Haube aus Schnee, und um die Schuhe hatte er sich Lumpen gewickelt.
Durch den verschneiten Wald fahren sie mit dem Auto die Steige hoch. Die Schneeberge rechts und links der Fahrbahn werden immer größer, je höher sie kommen. Auf halben Weg erreichen sie endlich das Nikolaus-Häuschen.
Es ist ein winziges Holzhaus, mit einer niedrigen Tür und einem kleinen Fenster. Daneben ist ein Schuppen angebaut, nur halb so hoch, wie das Häuschen.
Es ist ganz still im Wald. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Papa klopft an die Türe, aber drinnen regt sich nichts. Lucie ist schrecklich aufgeregt und ein bisschen ängstlich, dass der Nikolaus plötzlich die Türe aufmachen und vor ihr stehen könnte. Aber er scheint unterwegs zu sein.
„Vielleicht ist er dabei, Geschenke an Kinder zu verteilen“, wird sie von Papa getröstet.
Ganz leise und andächtig legt Lucie ihren Wunschzettel, das in Papier eingewickelte Butterbrot und ein Paar warme Socken, die Papa nicht mehr braucht am Fensterbrett ab.
„Vielleicht hat er seinen Schlitten dagelassen. Sehen wir mal nach!“ und tatsächlich steht im Schuppen ein Holzschlitten.
„Sicherlich holt er seine Rehe, um sie vor den Schlitten zu spannen. Gehen wir lieber, bevor er zurückkommt!“
Weiter geht es auf die Alb-Hochfläche zu Hänsel und Gretel.
Zur großen Erleichterung von Lucie sind es nicht die Geschwister, die von ihren Eltern im Wald ausgesetzt wurden. Auch eine Hexe sieht man nirgendwo.
Hans und Grete sind die Kinder der Wirtsleute in einem Gasthaus. Es gibt dort Würstchen mit Brot und während Lucie nach diesem aufregenden Tag mit großem Appetit isst, erzählt sie Hans und Grete, wie sie den Nikolaus besuchen wollte. Gesättigt spielen alle drei Kinder ausgelassen rund um die Tische Fangen. Wochentags sind kaum Leute in der Wirtsstube, deshalb stört es niemanden, wenn die Kinder fröhlich herumtoben.
Draußen ist schon tiefe Nacht, als Lucie und ihr Papa den Heimweg antreten. Mit dem Auto geht es jetzt die Steige abwärts.
„Guck mal Lucie, am Straßenrand stehen lauter kleine Wichtel mit ihren Laternen und zeigen uns den Weg, damit wir uns nicht im Wald verirren!“
Lucie fühlt sich behütet, von ihrem Papa, dem Nikolaus und den kleinen Wichteln. Glücklich und zufrieden lehnt sie sich zurück und sieht durchs Fenster in den verschneiten Wald.
Nicht lange wird es dauern, bis sie entdeckt, dass die Wichtel einfache Leuchtpfosten am Straßenrand waren, und das Nikolaus-Häuschen der Straßenwacht gehört. Zufällig stand ein Schlitten darin, und vielleicht hat sich ein Straßenwärter über die Socken und das Butterbrot gefreut.
Den Nikolaus hat ihr Papa, bekleidet mit einem alten Wehrmachts-Mantel gespielt, noch bevor die bunte Welt von Coca-Cola Einzug hielt.
Kinder brauchen eine Welt der Märchen und der Mystik, in der sie sich von guten Wesen beschützt fühlen.
Der Zauber hält ein Leben lang, auch wenn die schützende Hand nicht mehr da ist und man sich wie Aschenputtel mit einer Schale Erbsen in einer Ecke wiederfindet. Dann hofft man auf die gute Fee oder eine Schar Tauben, die den Weg ins Glück zeigen.
Sonntag, 16. Juli 2017
RUHESTAND
Er sei wohlverdient,der Ruhestand, hört man oft, was auf ein langes Arbeitsleben im Hamsterrad der Geldmaschinerie durchaus zutrifft.
Teilweise wird auch die Zeit bis zur Rente oder Pensionierung auf dem zwangsläufig immer breiter werdenden Hintern einfach nur abgesessen.
Aber wie gestaltet man die neu erworbene Freiheit?
Den Traum vom Reisen um den Globus, können sich gesundheitlich und finanziell nur wenige erlauben, deshalb sieht man als Alternative überall Rentner in gedecktem Beige stöckelnd die nähere Umgebung erkunden.
Für mich kam dieser Lebensabschnitt etwas früher, als ursprünglich geplant, weshalb ich diesbezüglich auch keine großen Pläne geschmiedet habe.
Vorerst genieße ich es noch, mir die Tage nach Lust und Laune einteilen zu können. Zwar habe ich mir eine gewisse Struktur auferlegt, aber falls ich morgens doch mal länger schlafen sollte, meckert nur mein Fitness-Tracker: „Sie sind heute nicht sehr aktiv!“
Bewegung entfernt den Rost aus den Gelenken. Mit diesem Wissen werde ich normalerweise selbst aktiv. Ansonsten können alle Hähne so lange krähen, wie sie wollen, ich werde nirgendwo erwartet.
Nach nur einem halben Jahr, verspüre ich allerdings eine geistige und kreative Verstopfung. Diese Unterforderung versuche ich mit Lesen auszugleichen.
Zugegeben, dies ist ein Luxusproblem, wenn ich sehe, wie sich andere schinden: Ein 69jähriger saniert noch kniend Flachdächer, oder ganz Alte mit leichter Gehbehinderung tragen sonntags Zeitungen und Prospekte aus. Mühsam ziehen sie den Wagen der Verteilerfirma hinter sich her, wo früher Schüler auf ihren Inlinern durch die Gegend flitzten, um ihr Taschengeld aufzubessern.
Die Möglichkeit, farblose Klamotten farblosen Menschen zu verkaufen, ist für mich keine Option. Die Gefahr, in eine Depression zu verfallen ist nicht auszuschließen.
Alternativ drängt sich das Internet mit Jobs unter dem Slogan „Verkaufe Produkte von zu Hause!“ richtiggehend auf. Wo früher in Heimarbeit Kugelschreiber zusammengeschraubt wurden, vertreibt man heute Waren anspruchsvoller über Social Media.
Man stelle sich vor, wie ich mich bisher mit meinen Facebook-Freunden über soziale Themen unterhalten habe und plötzliche versuche ich sie davon zu überzeugen, dass ihr Glück von einem bestimmten Nagellack abhängt.
Statt einer Provision hätte ich sehr schnell weniger Kontakte.
Wer uns als Zielgruppe mit zunehmendem Interesse verfolgt, ist die Werbung. Aufgewachsen mit Frau Clementine und HB-Männchen, werden wir durch die neue Werbeflut eher immunisiert, als zum Kauf angeregt. Deshalb locken verschiedene Institute mit gezielten Meinungsumfragen, die mit kleinen Geschenken honoriert werden, um herauszufinden, mit welchen Mitteln man uns doch noch um unser Erspartes bringen kann.
Eine geistige Herausforderung wäre ein Trend, der momentan ein begeistertes Publikum findet: Die Autobiographie. - Eine Art Big Brother für Intellektuelle.
Besteht wirklich ein Interesse an solch einer seelischen Diarrhoe?
Soll ich tatsächlich nochmals in alle Niederungen hinabsteigen und sie ein zweites Mal durchleben?
Vielleicht wäre es besser, die Vergangenheit zu einem Bündel zu verknoten und anzuzünden.
Morgen mach' ich mir weitere Gedanken.
Jetzt mit einem Cocktail im Liegestuhl zu sitzen und die Seele baumeln zu lassen, kann nicht schaden. Morgen ist auch noch ein Tag.
Freitag, 9. Juni 2017
WolfsMensch
In nächtlichen Streifzügen, auf der Suche nach Isolation, der misanthropische Wolf.
Von roher Natur und in unbezähmbarar Wildheit, lebt er in seiner dunklen Welt.
Sympathisch, feingeistig und sensibel, dazu sentimental ewig in der Jugend verhaftet,
der Mensch, das andere Ich.
Zwei Seelen, vereint in einem Körper.
Wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde in fortwährendem Kampf.
Der hassende Wolf und die empfindsame Menschenseele.
Ein leidendes Wesen, am Leben ermüdet.
Sonntag, 12. Februar 2017
NACHKRIEGSKINDER
Die Dunkelheit dieser Nacht
legt sich über Generationen.
Gefangen in der Familienburg.
Wir wandern alle im Kreis.
Hinter hohen Mauern aus Angst.
Es gibt kein Entrinnen.
Nirgendwohin.
Kälte dringt durchs Fleisch.
Setzt Brandherde im Körper.
Schuld haben die falschen Gefühle.
Wer ist Mutter, wer ist Kind?
Jeder schweigt.
Nur die Aggressionen werden laut in dieser Enge.
Einer frißt den Anderen.
Das Foto zeigt einen handschriftlichen Eintrag meiner Mutter in ein Buch, das ich erst aufgrund meiner Recherchen für meinen Roman WARTEN AUF LOHENGRIN entdeckt habe.
Wie erging es der Nachkriegsgeneration? Befasst hat sich mit dieser Frage Sabine Bode in ihrem Buch "Nachkriegskinder".
Ich will nur ein paar spontane Gedanken dazu beitragen. Man schweigt.
Dienstag, 11. Oktober 2016
MEER VON TRAURIGKEIT
Manche Dinge haben Bestand und man erwartet auch nicht, dass sich etwas ändert.
Wie die Garderobenfrau in der Oper. Eine freundliche, gediegene Schwäbin, die ihre Abonnement-Kunden kennt und sich nur proforma die Eintrittskarten vorlegen lässt.
Auf die Frage, ob ein Programmheft gewünscht wird, lehne ich grundsätzlich ab. Ungelesen verstaubt es in irgend einem Regal und ist zudem recht teuer.
Statt dessen gebe ich lieber der Hüterin meiner Garderobe ein kleines Trinkgeld.
Heute jedoch bietet sich mir nach vielen Jahren ein völlig neues Bild: Ein unglaublich gut aussehender junger Mann steht hinter dem Ablagetisch – groß, schlank und dunkelhaarig. In seinem schwarzen Anzug mit weißem Hemd und Fliege hat er anschließend sicherlich noch ein Shooting bei Armani, könnte man meinen. Doch dazu fehlt ihm bei näherer Betrachtung diese glamouröse Selbstinszenierung, die bewundernde Blicke normalerweise nach sich zieht.
Statt dessen blicke ich durch glanzlose, unergründliche Augen in ein Meer von Traurigkeit. Mir wird kalt.
Als wäre es eine Kostbarkeit, nimmt er meinen Mantel mit vorsichtigen Handgriffen entgegen. Insgesamt macht er einen unsicheren Eindruck, da er nur ein paar unverständliche Worte murmelt. Vielleicht ist es ja die Frage nach dem Programmheft, die ich erwarte aber eigentlich nicht vermisse.
Vollends irritiert ihn das übliche Trinkgeld, das ich auf die Theke lege.
Wie mir scheint, ein Gestrandeter in einer fremden Welt.
Ich denke dabei an die Zeilen, die mir ein junger Syrer schrieb:
Die Freiheit war schwierig und teuer, aber besser als unter der Herrschaft der Tyrannen zu leben. Ich kann nicht mehr lachen und mein Herz ist voll von Schmerz.
Dienstag, 13. September 2016
DIFFUSE ÄNGSTE
Es ist Samstag Morgen, zehn Uhr in der Damenabteilung eines Kaufhauses.
Zielsicher steuert ein Ehepaar, beide schätzungsweise Mittfünfziger, eine bestimmte Modemarke an.
Die Dame will sich ein neues Outfit für den Herbst zusammenstellen lassen. Zu diesem Anlass wohl, hat sie sich die Haare, die in einem rotbraunen Palisander-Ton glänzen, zu einem akkuraten Pagenkopf legen lassen.
Ihr wohlgenährter Ehemann, der in sein rotes Gesicht ein breites Grinsen gesetzt hat, scheint mit seinem weltmännischen Auftreten den Eindruck von Erfolg und Geld vermitteln zu wollen. - Wahrer Geldadel zeichnet sich durch eine gewisse Nonchalance aus.
Während sich eine Kollegin um die Frau kümmert, wendet er sich an mich in Erwartung meiner Bewunderung:
„Wir sind heute morgen schon die 35 km von Kirchberg hergefahren …!“
Unbeeindruckt erwidere ich, dass ich morgens dieselbe Strecke zurückgelegt habe, um an meinen Arbeitsplatz zu kommen.
Mehr erfreut darüber, aus demselben Ort zu stammen als erstaunt, dass ich dieses weite Reise regelmäßig auf mich nehme, nimmt er an, ich würde diese Distanz mit Sicherheit im Auto überbrücken.
„Ich fahre immer S-Bahn ...“ erwidere ich lapidar.
Aus dem Hintergrund macht sich plötzlich die Frau bemerkbar und als hätte ich etwas Unmoralisches geäußert, ruft sie dazwischen:
„Ich würde NIE mit der S-Bahn fahren!“
Sofort wendet sie sich wieder Hosen und Pullovern zu, während meine Kollegin sich mit großem Eifer bemüht, ihren etwas „extravaganten“ Geschmack zu befriedigen.
„Die Bahn war heute morgen, am Samstag sicherlich nicht sehr voll“, versucht mich der Herr wieder in ein Gespräch zu verwickeln. Dies kann ich nun bestätigen und suche eine Möglichkeit zur Flucht, was bei mangelnder Kundenfrequenz um diese Uhrzeit nicht ohne Weiteres möglich ist.
„Zu anderen Zeiten wird man sicherlich oft belästigt, das ist doch bestimmt unangenehm.“
In dieser Hinsicht kann ich ihn beruhigen und stelle nur fest, sollte samstags der heimische Fußballverein gespielt haben, oder während der Volksfestzeit, ist eine Bahnfahrt alles andere als lustig.
„Weil manche dann aufdringlich werden?“
„Nein, wegen des Alkoholdunstes und der laut grölenden Fans“, erwidere ich nun doch in einem leicht gereizten Unterton. „Auch spät in der Nacht hatte ich noch nie Probleme. Die Züge sind voll und man trifft auch viel elegantes Theaterpublikum.“
Mich trifft ein verständnisloser Blick, aber ich will mich nicht auf etwas festnageln lassen, nur um irgendwelche Vorurteile zu befriedigen. Ist denn niemand in der Nähe, um mich aus dieser unangenehmen Situation zu befreien?
Einige Zeit später sehe ich sie zufrieden und mit einer großen Tüte von dannen ziehen. In ihrer Wohlstandskarosse, abgeschirmt von der bösen Welt, die draußen überall lauert kehren sie zurück in ihr sicheres Nest.
Hinter dem Gartenzaun beginnt das Abenteuer und nur, wenn man sich dem ab und zu stellt, sieht man die reale Welt.
Donnerstag, 14. Juli 2016
TRÜFFELSUCHE
Das grüne Herz Italiens, wie die Provinz Umbrien genannt wird hat keinen Zugang zum Meer und findet deshalb bei Urlaubern weniger Beachtung, als die Küstenstreifen. Es gibt nur einen großen See, den Lago Trasimeno, der in der Geschichte schon sehr früh Erwähnung findet, indem Hannibal mit seinem Heer die Römer in einer denkwürdigen Schlacht in den nicht allzu tiefen Fluten versenkte.
Die Liebe zu dieser Gegend wurde bei mir auch eher zufällig geweckt, als meine Tochter vor vierzehn Jahren die Universita per Stranierei in der Hauptstadt Perugia für ihr Studium der italienischen Sprache auswählte.
Noch nicht so sehr vom Tourismus erschlossen, liegt nicht wie an den Stränden der Geruch von Benzin und Sonnenöl in der Luft, sondern das Aroma von Pinien, Lorbeer und Rosmarin. Im Mai legt sich noch der schwere, süße, fast betäubende Duft der Akazien darüber.
Ein Paradies, nicht nur für die Nase sondern auch für den Gaumen. Die weitläufigen Wälder beherbergen außer Trüffel und Steinpilze, zur Freude der vielen begeisterten Jäger auch verschiedene Arten von Wildtieren.
In kleinen Läden hängen Speck und Würste aus Norcia vom Himmel, wie die sprichwörtlichen Geigen. Der etwas dumpfe Geruch vermischt sich mit dem salzigen von Pecorino-Käse und dem muffigen von unterschiedlichen Hülsenfrüchten, die oft in Jutesäcken gelagert werden.
Nicht nur die Wälder sind am Grün der Landschaft beteiligt, sondern auch die ausgedehnten Olivenhaine, die hochwertiges Öl liefern und auf den Hügeln wachsen die Reben für einen Montefalco Rosso oder den schweren Sagrantino. Ein gehaltvoller Weißwein wird um die Stadt Orvieto angebaut.
Mit viel Liebe und Fantasie werden aus diesen Zutaten in kleinen Trattorien einfache, traditionelle Gerichte komponiert.
Stundenlang geschmortes Wildschweingulasch. Zuppa di Fagiolina, eine Bohnensuppe aus den kleinen Bohnen, die nur in der Umgebung vom See wachsen. Die kleinen Berglinsen aus Castelluccio und Porchetta, ein Schweinerollbraten, gewaltigen Ausmaßes gefüllt mit Fenchelsamen, Rosmarin, Zitrone und Knoblauch. Wie bei uns in den Würstchen-Ständen werden Scheiben davon in einem Brötchen auf Märkten verkauft, oder in Metzgereien angeboten.
Selbstverständlich werden auch die Fische vom See auf die unterschiedlichste Art zubereitet.
Diese Spezialitäten entdeckt man am Besten selbst vor Ort und nicht durch die Empfehlung eines Reiseführers.
Vor den aushängenden Speisekarten an den Trattorien stehen bisweilen ratlos dreinblickende Touristen, die sich leicht erkennbar, durch Bequem-Sandalen, in denen weiße Beine stecken ausweisen. Um keine Überraschung zu erleben, entscheiden sie sich letztendlich für die Touristenfalle gegenüber und bestellen Pizza oder Caprese wie beim Italiener zu Hause.
Hat man einmal sein Lieblingslokal entdeckt und freut sich im nächsten Urlaub auf den herzlichen Empfang, existiert sie nicht mehr, oder sie hat den Besitzer gewechselt. Mit wenigen Tischen, im Kampf gegen große Restaurants geben viele auf.
So erinnere ich mich an handgemachte Pici, die dicken Nudeln mit Entenragout, begleitet von einer freundlichen Bedienung. In neuem Gewand gleicht dieses Restaurant einer Massenabfertigung und die völlig überforderten jungen Leute rasen zwischen den Tischen hin und her.
Die Karte macht trotzdem einen ansprechenden Eindruck und bestelle einen kleinen Kartoffelauflauf mit Trüffeln. Diese Sommertrüffel haben einen dezenten Geschmack und sind auch weniger kostspielig.
Beinahe ahnte ich meine Fehlentscheidung schon. Die aufgetürmten Kartoffeln schwammen in einer dicken, fast schwarzen Soße, deren extremer Trüffelgeschmack mit Sicherheit chemischen Ursprungs war.
Meine Geschmacksnerven wurden dermaßen beleidigt, dass sie seither jede Art von Trüffeln verweigern.
Aber da war doch noch dieser Amerikaner, der sich in der Lebensmitte zusammen mit einem italienischen Koch seinen Traum erfüllte und an historischem Ort ein kleines, romantisches Lokal eröffnete, wo er die traditionelle umbrische Küche pflegt.
Die Tische reihen sich noch immer entlang der Hauswand, nur dass uns statt eines zuvorkommenden, engagierten Amerikaners, diesmal ein lustloser, phlegmatischer Italiener bedient.
Ich bestelle aus der Karte handgemachte Tortellini in Safransoße.
Safran, das Gewürz der Könige und das teuerste überhaupt. Die feurig roten Samenfäden der Krokusse werden in Citta delle Pieve von Hand gezogen und verleihen einem Gericht mit nur ganz wenigen Fäden eine leicht gelbliche Farbe und ein einzigartiges Aroma.
Ich muss nicht einmal probieren, um festzustellen, dass ich für dumm verkauft wurde. Die Tortellini hatten zuvor ihr Dasein im Supermarkt gefristet und schwammen nun in einer quietschgelben Soße, die sich als völlig geschmacksfrei herausstellt. Die Farbe wurde wohl unter Zuhilfenahme von Kurkuma erzielt, ein zwar sehr bekömmliches Gewürz, aber doch nicht das gewünschte.
Trotz ein paar unliebsamer Überraschungen gibt es sie noch, die kleinen Familienbetriebe, in denen „La Mama“ manchmal ohne einen Ruhetag in der Küche steht und aus den Zutaten, die ihr die Natur bietet die herrlichsten Dinge zaubert.
Freitag, 17. Juni 2016
DETOX
20.30 Uhr. Trotz Klimatisierung ist es schwül in der Bahn.
Der Tag fühlte sich nicht gut an und ich bin müde. Warum tue ich mir das eigentlich noch an und gehe nicht in Rente? Aber so kurz vor dem Ziel aufzugeben, wäre finanziell gesehen eine schlechte Entscheidung, außerdem würden mir auch einige Menschen aus meinem beruflichen Umfeld fehlen.
Kann der junge Mann, der sich zwei Haltestellen später neben mir niederlässt nicht still sitzen? Ich möchte jetzt gerne meine Ruhe, zudem scheint sich sein Deo zu verabschieden.
Ein paar Minuten später wird der Platz gegenüber frei und mein hibbeliger Sitznachbar schwingt sich sofort auf die andere Seite.
„Hallo!“ werde ich begrüßt und ein Paar tiefdunkle Augen strahlen mich an.
Was will der bloß von mir? Betteln oder blöd anmachen?
Einen Moment lang überlege ich, mich wegzusetzen, jedoch, ich habe keine Chance. Sofort ergießt sich ein Redeschwall über mich in lückenhaftem Deutsch, untermalt mit hektischen Gebärden. In diesem jungen Körper scheint eine Energie gebündelt zu sein, die darauf wartet, ein Ventil zu finden.
„Ich bin neunzehn und komme aus Afghanistan. Ramadan, du kennst? Ich habe heute Kopfschmerzen, sonst nie Kopfschmerzen, aber nicht essen, nicht trinken.“
Ohne Pause fährt er fort. „Wo wohnst du?“ Wenn ich die Endstation angebe, ist das nicht sonderlich konkret und auch nicht gelogen.
Er wohne in einem Container in der Peripherie. Es sei sehr schön dort. Überhaupt sei Deutschland sehr schön und strahlt dabei die ganze Zeit vor Glück wie ein kleines Kind an Weihnachten. Voller Stolz zeigt er mir seinen neuen Ausweis, der seinen Aufenthalt hier legitimiert.
Noch nie habe er eine Schule besucht, die Taliban hätten ihn daran gehindert, wie seine ganze Familie auch. Endlich dürfe er hier eine Schule besuchen.
Zwischendurch sieht er auf seinem Handy immer wieder nach der Uhrzeit, in der Hoffnung, dass es bald halb zehn Uhr anzeigt und er endlich Hunger und Durst stillen kann. Mehrfach steckt er auch die Nase in den Ausschnitt seines Shirts und verzieht dabei sein Gesicht. - Mir bleibt nicht verborgen, dass seine Ausdünstungen an Intensität zunehmen, eine Folge von Nahrungs- und Wasserentzug. - Ich bleibe trotzdem.
Für uns ist dieses Ritual des Ramadan kaum nachvollziebar, genau so wie er mit Sicherheit nicht verstehen könnte, dass es Menschen unter uns gibt, die viel Geld für eine Hunger-Kur ausgeben. Im christlichen Glauben existiert zwar auch ein Fastenmonat, aber wie viele Epochen müssen wir zurückgehen, in welcher diese innere Reinigung in einer größeren Gemeinschaft begangen wurde?
„Wie alt bist du?“ fragt er mich in seiner unerschrockenen Art.
Vierundsechzig entgegne ich wahrheitsgemäß, worauf er für einen kurzen Moment die Sprache verliert, um mir dann umgehend zu erklären, seine Großmutter sei fünfzig, hätte aber viel mehr Falten.
Das müsse wohl an unserem guten Essen liegen, sinniert er.
Mit völligem Unverständnis reagiert mein Gegenüber auf die Tatsache, dass ich nur ein Kind habe und meine Tochter noch nicht in der Lage war, mich mit einem Enkel zu beglücken. In Afghanistan seien fünfzehn Kinder eigentlich die Regel. Er selbst habe sieben Geschwister und ich bekomme Familienfotos auf dem Handy gezeigt.
Vater und Mutter sind von der Härte ihres Lebens gezeichnet und sicherlich jünger, als sie aussehen. Daneben stehen ein paar struppige Jungs.
Auf keinem Gesicht entdeckt man ein Lächeln.
Das ist meine Schwester!
Auf dem nächsten Foto sehe ich eine wunderschöne junge Frau, wie eine Prinzessin aus 1001 Nacht. Malerisch auf dem Boden sitzend hat sie ein großes Tuch in strahlendem Himmelblau locker um Kopf und Schultern gelegt. Dazu trägt sie eine Pluderhose, die nur eine Nuance im Farbton abweicht.
Ich zeige meine Begeisterung über diese Schönheit, worauf Kamra (inzwischen weiß ich seinen Namen) mir in Gebärdensprache deutlich macht, dass sie von den Taliban gezwungen wird Vollverschleierung zu tragen.
Nur noch eine halbe Stunde, bis es wieder etwas in den leeren Magen gibt.
Ob ich Arbeit für ihn wüsste, er würde auch zehn Stunden für wenig Geld arbeiten. So gerne möchte er seiner Familie etwas schicken.
Ich muss eine Station früher aussteigen und notiere mir schnell noch seine Telefonnummer auf einem Zettel. Es ist nur eine Geste und kein Versprechen, aber ich ernte einen überaus dankbaren Blick.
Einerseits bin ich froh, frische Luft atmen zu können, aber ich habe nun eine Ahnung davon, warum sich jemand auf den langen Weg von Afghanistan über den Iran, die Türkei, Bulgarien und Serbien bis nach Deutschland macht.
Mittwoch, 25. Mai 2016
BABEL
Zwei Menschen, die sich bisher nicht kannten haben dasselbe Ziel, einen Roman zu schreiben. Dies verbindet, und trotz großer räumlicher Distanz ergibt sich via Internet eine beinahe freundschaftliche Kommunikation über einen Zeitraum von zwei Jahren.
Gegenseitig macht man sich Mut während dieser Zeit, sobald einer der Beiden die Hoffnung zu verlieren droht oder an Kritik hart zu nagen hat. Arbeiten werden getauscht und begutachtet.
Beide haben zur gleichen Zeit ein fertiges Manuskript vorliegen und machen sich nur noch auf die Suche nach einem Verleger. Die Freude ist groß und man beglückwünscht sich, als dieses große Endziel wieder fast gleichzeitig erreicht wird.
Das verbindende Element, weiterhin etwas Gemeinsames zu erarbeiten entfällt. Es stellt sich heraus, dass sich zwei in ihren Biografien und Ansichten völlig verschiedene Menschen für einen kurzen, gemeinsamen Weg gefunden haben.
Der Eine begegnet der Welt mit Offenheit und der Andere kennt überall nur Grenzen, von denen er keine aus eigener Kraft überwinden kann.
Sie sprechen nicht mehr diesselbe Sprache.
Donnerstag, 21. April 2016
ICH BIN FREI !
Mein Handy signalisiert mir eine neue Freundschafts-Anfrage auf Facebook. Ich sehe mir solche Anfragen immer sehr genau an, bevor ich sie bestätige, deshalb bin ich auch etwas verunsichert, als ich beim Öffnen des Profils einen exotisch klingenden Namen und mir unbekannte Schriftzeichen entdecke.
Auf dem Foto ist eine glücklich strahlende junge Frau abgebildet und daneben der Text: „Waiting for true love.“
Nun, ich kann mich nicht für Integration stark machen und eine Anfrage, die eindeutig einer fremden Ethnie zuzuordnen ist verweigern.
Andererseits habe ich einen alten Freund, dessen Identität sich nicht eindeutig zuordnen ließ auch abgewiesen. Trotzdem überlege ich in diesem Fall: Ein Klick und der Kontakt ist wieder weggefegt.
Beim Öffnen der Seite offenbart sich mir nur unwesentlich mehr: Das Foto eines Jungen, der traurig seinen Kopf in die Hände stützt, Eheringe und wieder die Sehnsucht nach Liebe, dazu noch viel mehr unbekannte Schriftzeichen.
Möglicherweise ein Mädchen, das weltweit wahllos Kontakte sammelt. Tatsächlich tut sich weiterhin nichts …. bis mich eines Abends über dieses Profil eine Nachricht erreicht.
Hallo, guten Abend
Ich antworte mit Guten Abend, bist du Mann oder Frau?
Mann
Wir führen unsere Konversation auf Englisch fort und immer nur in ganz kurzen Sätzen. Ich erfahre bald, dass Hami aus Pakistan kommt und 22 Jahre alt ist. Er sei ein Flüchtling und von München zuerst nach Chemnitz, dann nach Dresden und zuletzt nach Meissen verlegt worden.
Sachsen sei sehr gefährlich meint er und ich solle mich mit ihm auf Deutsch unterhalten, weil er die Sprache lernen möchte. Mir kommt dieser Vorschlag sehr entgegen, da mein Handy sich mit Fremdsprachen anscheinend genau so schwer tut, wie ich.
Wo wohnen sie, werde ich gefragt, dabei wählt er immer das höfliche „Sie“. Meinen Wohnort gebe ich daraufhin mit Stuttgart an. Die kurzen Antworten dauern trotzdem sehr lange. Anscheinend stellt ihn nicht nur die Sprache, sondern auch die Schrift vor größere Probleme.
Was machst du?, frage ich weiter.
Nichts. Ich bin frei.
Ein Mensch, der nichts hat außer seiner Freiheit!
Ich muss kurz innehalten. Wissen wir eigentlich, wie reich wir sind?
Als nächstes meint er wieder auf Englisch, nicht alle Menschen seien schlecht, es gäbe auch gute darunter.
Und dann: Ich bin ihnen so dankbar.
Sie sind der erste Mensch, der sich freundlich mit mir unterhält.
Gute Nacht
Am nächsten Abend erfahre ich von Hami, dass er in einem Haus wohne, die Syrer aber in einem Camp.
Ein Rest von Misstrauen bleibt, schließlich kann sich jeder mit einer falschen Identität Vertrauen und Mitgefühl erschleichen, aber ich wünsche mir, dass ich einem jungen Menschen das Gefühl, angenommen zu sein vermitteln konnte.
Sonntag, 31. Januar 2016
HUNGER
Wir haben Hunger nach Leben, nach Liebe, Anerkennung, Erfolg, Freiheit …
Als Idiom begegnet und dieses Wort in jedem beliebigen Zusammenhang, aber wer kennt die eigentliche Bedeutung noch? Aus unserer Generation kaum jemand.
Vielleicht noch die ganz Alten, die den Krieg miterlebt haben, aber in unserem modernen Sozialstaat lässt man niemanden verhungern und seien die Lebensumstände auch noch so schlecht.
Tatsächlich trifft man die meisten Fälle von Adipositas am untersten Ende der wirtschaftlichen Erfolgsleiter. Im Gegensatz dazu, klärte mich eine Italienerin auf: “In Italien ist eine Frau, die Geld hat schlank!“ Dieses Statement dürfte ähnlich auch für andere europäische Länder gelten.
Falls dieses Schönheitsideal nicht durch medizinische Eingriffe angestrebt wird, versucht man es durch Hungern zu erreichen. Fasten wäre in diesem Fall die exaktere Bezeichnung.
Jeder gesunde Mensch beginnt wieder mit der Nahrungsaufnahme, bevor lebensbedrohliche Umstände eintreten. Durch eine psychische Störung kann dieser Moment ausgeschaltet werden, aber im allgemeinen sieht die Umwelt dabei nicht tatenlos zu. Ich selbst kann nicht beurteilen, ob dabei ein Hungergefühl entsteht, da diese Reaktion vom Betroffenen nicht mental steuerbar ist.
Mit Diäten kenne ich mich aus, da mir während meines ganzen Lebens eine Figur vorschwebte, die ich nur zeitweise annähernd erreicht habe. Der Magen knurrt und die Gedanken kreisen nur ums Essen, aber ich tröstete mich immer, sobald die zwei Kilo geschafft sind gibt’s wieder was Leckeres.
Mit echtem Hunger, ohne Aussicht auf Nahrung musste ich mich beim Schreiben meines Romanes „WARTEN AUF LOHENGRIN“ auseinandersetzen.
Wie beschreibt man ein Gefühl, das man nicht kennt? Wie kann man nachvollziehen, welche Schmerzen ausgelöst werden, wenn sich der Körper quasi selbst auffrisst. Wenn man sich nicht der schleichenden Apathie hingibt und noch in der Lage ist, Ratten zu fangen, die sich selbst von Kadavern ernähren. Das Bild von Kindern, die ihrem Instinkt folgend Kalk von den Wänden kratzen, den sie für ihr Knochenwachstum brauchen.
Bis irgendwann das größte Tabu gebrochen wird und keine Hürde mehr besteht, die den Schritt zum Kannibalismus aufhält.
Diese schaurigen Fakten wurden so übermittelt, nachdem Leningrad 1941 durch die Belagerung deutscher Truppen die allerschlimmste Not erleiden musste.
Während 872 Tagen starben 750 000 Menschen den Hungertod.
Obwohl satt und zufrieden musste ich mich diesem Thema stellen, um meine Geschichte möglichst authentisch zu Ende zu bringen.
Schostakowitsch hat seinen Kummer über dieses Drama mit der Leningrader Sinfonie in Musik umgesetzt. Ein Requiem für alle Gequälten und Umgekommenen. Eine Totenfeier.
Beim Schreiben habe ich mich mit dieser Musik umgeben. Sie ist laut, klingt stellenweise zerrissen und die Schläge mit dem Geigenbogen auf die Saiten sollen das Klappern der Gebeine hörbar machen.
Trotz aller Bemühungen, Hunger für mich ansatzweise fühlbar zu machen, ist es nur bei einer Betrachtung von außen geblieben und ich hoffe für alle Zeiten, dieses Gefühl nie kennenlernen zu müssen.
Mittwoch, 6. Januar 2016
LOVERBOY
Frauen, in Metropolen heute: Jung, gutaussehend gebildet, aufstrebend – Single.
Fünf dieser modernen Amazonen, alle Anfang dreißig treffen sich regelmäßig in einer deutschen Großstadt zu gemeinsamen Freizeit-Aktivitäten. Meistens jedoch an Orten, die von etwa Gleichaltrigen des anderen Geschlechts frequentiert werden.
Single ist man nicht freiwillig, doch man verliert sich gegenseitig in einem unüberschaubaren Angebot und redet sich irgendwann resigniert ein, zufrieden in diesem Status zu verharren, bevor wieder eine Enttäuschung wegzustecken ist.
Reisen unternimmt man entweder mit einer der Freundinnen oder, nimmt ein Angebot für alleinstehende Frauen wahr.
So stürzt sich auch Sarah in ein Abenteuer und fliegt ohne Begleitung in die Karibik.
Drei Wochen später, wieder zu Hause schwärmt sie von ihrem Urlaub in den höchsten Tönen. Mit ihren lichtblonden Haaren seien ihr die einheimischen Männer scharenweise zu Füßen gelegen und sie habe sich in eines dieser exotischen Exemplare schwer verliebt.
Schon bald möchte sie ihn in seiner Heimat wiedersehen, weil ihm eine Ausreise verwehrt ist und macht sich sogar Gedanken über eine gemeinsame Zukunft. Die anderen Frauen reagieren ziemlich irritiert über Sarahs Pläne und sind schlicht entsetzt, als sie ein paar Wochen später glücklich verkündet, sie sei schwanger.
Eine alleinerziehende Mutter, dazu noch mit einem schwarzen Baby – unmöglich. Man rät ihr allgemein zu einem Abbruch.
Für Sarah keine Option – im Gegenteil Jeremy, der Vater des Kindes darf nun nach Deutschland einreisen und dem gemeinsamen Glück scheint nichts mehr im Wege zu stehen.
Nach und nach kommen zweifelhafte Tatsachen ans Licht. Jeremy hat in seiner Heimat Frau und Kind und was keiner auszusprechen wagt, seinen Unterhalt hat er möglicherweise durch liebeshungrige Touristinnen verdient.
Sextourismus war früher nur ein Thema, mit dem man Männer in Verbindung gebracht hat, laut Statistik aber mittlerweile von ebenso vielen Frauen wahrgenommen wird.
Jeremy kommt nach Deutschland, wo das Geld, wie er denkt auf der Straße liegt und nur darauf wartet aufgesammelt zu werden.
Sarahs Freundeskreis weigert sich, Jeremy willkommen zu heißen, da sie in ihm nur einen Schmarotzer sehen und tatsächlich lässt er Sarah trotz Schwangerschaft für sich arbeiten, bewegt sich nicht aus der Wohnung und mäkelt den ganzen Tag über die ungewohnte Kälte, auch die der Menschen, weil er ihre Sprache nicht spricht.
Außer einer distanzieren sich die anderen Freundinnen von ihr und vebannen sie aus ihrem Kreis, weil sie einer intelligenten Frau diese Kurzsichtigkeit nicht zugetraut hätten.
Die Verbindung hält dem Alltag nicht stand und Jeremy fliegt zurück.
Ein paar Monate später bringt Sarah ein süßes Mädchen zur Welt mit einer Haut wie Milchkaffee. Jeder zeigt sich erleichtert, dass es hauptsächlich die Gene der Mutter geerbt hat und nicht die tiefschwarze Hautfarbe des Vaters.
Alle sind glücklich, auch die Freundinnen können sich nun mit ihr freuen.
Jeremy kommt zurück, um wenigstens für einige Zeit seine Vaterpflichten zu erfüllen, aber eine Akzeptanz erfährt er nach wie vor nicht.
Freitag, 1. Januar 2016
GLITZER
Auf dem Boden der Tatsachen liegt eindeutig zu wenig Glitzer!
Am letzten Tag des Jahres sieht man beim Eintritt ins Rentenalter lieber im Fernsehen den Anderen beim Feiern zu, einfach weil man bedächtiger mit seine Resourcen umgeht.
Zufällig fällt mir dabei ein eingeblendeter Name auf und in Sekundenbruchteilen läuft ein Film vor meinen Augen ab.
Genau! So hieß der „Hansi vom Bodensee“ mit Nachnamen!
Ein Studienfreund aus den Jahren 71/72. Jeder nannte ihn nur „Dr Bodasee“, weil er seinem Heimatgewässer so sehr verbunden war, dass wir uns darüber lustig machten.
Ich erinnere mich an einen sportlichen Naturburschen, der mich mit seinem Humor immer zum Lachen brachte. Wir zwei waren ein tolles Team. Jeder half dem Anderen in Fächern in denen Schwächen vorhanden waren. Manchmal saß man danach zusammen noch in einer Kneipe beim Bier.
Unsere Aura lud sich irgendwann elektrisch auf und es fing an zu knistern. Doch beide waren wir zu diesem Zeitpunkt liiert, was in diesen wilden Zeiten des Aufbruchs und der Anarchie eigentlich keine Bedeutung hatte. Moral war nur etwas für Spießer. Wir widersetzten uns trotzdem dem Zeitgeist und entschieden Freunde zu bleiben.
Nach vier Semestern ergriff ich regelrecht die Flucht. Heute käme man vielleicht zu der Diagnose „Burn-out“, damals wunderte man sich nur, warum ich sogar mit meinen damaligen Freunden abgeschlossen hatte und allmählich verschwanden auch die Namen aus meinem Gedächtnis.
Viele Jahre später fing ich an, mich dafür zu interessieren was aus ihnen geworden ist, vor allem aus Hansi. Aber wie sollte ich an irgendwelche Kontakte anknüpfen, ohne deren Identität zu kennen? Auch die sozialen Medien konnten mir nicht weiterhelfen.
Jetzt erst, nach vielen Jahren wurde mir dieser Name per Zufall serviert und da mein Smartphone immer in Reichweite liegt, mache ich mich daran, kurz vor Mitternacht Hansi zu googeln.
Sein Name erscheint sofort … in einem Nachruf!
Dieser einst kräftige und gesunde Mann starb an einer Krankheit im Alter von 63. In seiner Heimat war er wohl sehr erfolgreich, brannte aber an allen Enden wie er beschrieben wurde.
Es gibt keine Möglichkeit für ein „Weißt du noch? …“ - Gespräch mehr. Die Zeit ist um.
Obwohl ich Neujahr nie mit guten Vorsätzen beginne denke ich trotzdem, wir sollten zum Sprung ansetzen und dem bisschen Glitzer, das uns jeder Tag beschert Aufmerksamkeit schenken, darüber staunen und die Zeit nicht einfach verstreichen lassen.
Mittwoch, 4. November 2015
EMOTIONEN
Seit zwei Monaten ist mein Erstlingswerk „Warten auf Lohengrin“ nun auf dem Markt. Die Biografie meiner Großmutter, die zwei Weltkriege erleben musste ist gleichzeitig das Schicksal von unzähligen Menschen.
Es gab in diesen schweren Zeiten viele stille Helden, die allmählich vergessen werden. Die Generation nach 1945 wollte nichts mehr über den Krieg hören und trotzdem spürt man, dass sie immer noch schwer an dieser „Kollektivschuld“ trägt.
Ich bin überrascht und manchmal tief gerührt, welche Reaktionen mein Buch ausgelöst hat.
Sehr oft musste ich hören: „Hätte ich doch meine Eltern gefragt, als sie noch lebten, leider habe ich das versäumt.“
Eine Nachbarin - eine alte Frau - bedankte sich dafür, dass ich so viele Erinnerungen in ihr ausgelöst habe und erzählt, ihre Schwägerin wickelte als Säuglings-Schwester kleine Kinder in nasse Tücher, um sie so vor dem Feuer im bombardierten Dresden zu retten.
Beeindruckt hat mich eine sehr junge Studentin, die fest in unserer modernen Zeit verankert ist und als Praktikantin in der örtlichen Tageszeitung einen wunderbaren Artikel über mein Buch und mich als Autorin geschrieben hat. „Lohengrin“ musste sie googeln, worüber ich mir Gedanken mache, wo wir mit unserer Schulbildung heute stehen, aber dann hat sie sich in kürzester Zeit in die Materie hervorragend eingearbeitet.
Ein alter Freund, der sich als Literaturverweigerer outet, wollte nur mir zuliebe mal wieder ein Buch in die Hand nehmen und hat es anschließend freiwillig sofort ein zweites Mal gelesen. Nur die Erotik kam seiner Meinung nach etwas zu kurz.
Am meisten überraschten mich die Reaktionen der Menschen aus meinem persönlichen Umfeld, die ihre Wurzeln nicht hier, in Deutschland haben.
Eine junge Bekannte aus Eritrea wollte unbedingt die erste sein, die mein Buch in Händen hält.
Ein Italiener zeigte mir seine Begeisterung in einer überschwänglichen, dramatischen Theatralik, die nur in seiner Heimat zu finden ist.
Die Polin, deren Vorfahren unter der deutschen Herrschaft eigentlich sehr gelitten haben müssten, meinte: „Ich liebe dein Buch!“
Beim Lesen so zu Tränen gerührt wurde eine Brasilianerin, dass sie Sorge hatte, die Mitfahrer in der Straßenbahn würden ihr aus Mitleid von allen Seiten Taschentücher reichen. Deshalb verzog sie sich anschließend lieber ins stille Kämmerlein.
Diskussionen löste es bei einer Kroatin mit ihrem deutschen Freund aus, wem denn dieses Buch denn nun gehöre, wo doch jeder sein eigenes Lesezeichen platziert hat. Nachdem sie allerdings darauf hingewiesen hat, dass ihr Name als Widmung verewigt wurde, war die Situation eindeutig.
Schließlich möchte sich eine Finnin für die Vermarktung einsetzen und eine schwarze Perle aus dem Senegal fragt mich ganz schüchtern:“Wenn ich deinen Roman in einer Buchhandlung bestelle, darf ich dann sagen, dass du meine Kollegin bist?“ Sie scheint stolz darauf zu sein, mich zu kennen, dennoch gibt mir die Frage zu denken.
Dann ist da noch dieser junge Ungar, der genau so aussieht, als wäre er der ungarische Tenor in meinem Roman, und plötzlich wirklich geworden.
Sie alle haben keinen Bezug zur deutschen Geschichte, und wo wir versuchen die Vergangenheit abzuarbeiten, ist es für sie nur ein Roman, der überall stattgefunden haben könnte.
Der bewegenste Moment allerdings war, als ich meinen Roman bei Facebook vorstellte und plötzlich ein Kommentar erschien: „Deine Oma ist auch meine Oma.“
Meine Cousine, zu der ich seit mindestens dreißig Jahren keinen Kontakt mehr habe und dabei wohnt sie gerade mal zwei Straßen entfernt von mir!
Dies ist genau die Situation, die Sabine Bode in ihren Recherchen über die sogenannten Kriegsenkel beschreibt. Durch das Verdrängen der Traumata entstand nur Kälte in den zwischenmenschlichen Beziehungen der Kriegsgeneration. Die Familien zerbrachen. Meine Cousine und ich waren die unfreiwilligen Opfer.
Seit vielen Stunden sitzen wir nun zusammen und arbeiten das auf, was uns getrennt hat.
Sonntag, 6. September 2015
EIN SOMMER
Eintauchen in die Wärme der Tage.
Der Duft von Blüten in Harmonie
mit der Musik der Zeit.
Das Leben schmeckt nach Schwarzwälder Kirsch,
süß und leicht beschwipst.
Gedanken tanzen mit der Leichtigkeit von Federn
im Wind.
Geöffnete Herzen verströmen Emotionen,
eine Ahnung von Schmetterlingsküssen.
Worte wie spielende Kinder – nächtelang.
Umarmt vom Universum.
Die Blätter beginnen zu fallen.
Sonntag, 23. August 2015
AVATARE
Avatare schwirren durch den virtuellen Raum.
Blutleere, gesichtslose und stumme Wesen mit synthetischen Charakteren auf der Suche nach einem echten Menschen, um sich für einige Zeit dort anzudocken.
Reale menschliche Wesen ohne echte Gefühle konstruieren sich eine Identität und verbergen sich hinter diesem zweiten Gesicht. Luftschlösser werden gebaut, um dem eigenen kleinen Ego Größe zu verleihen und wie in dem Märchen von Hase und Igel ist es ihnen möglich, sich gleichzeitig auf verschiedenen Kontinenten aufzuhalten.
Manchmal aber suchen sie sich ein menschliches Gefühl, wozu sie selbst unfähig sind und sobald sie diesen realen Charakter ausgesaugt haben, ziehen sie sich wieder in ihr Nirwana zurück auf der rastlosen Suche nach einem neuen Opfer.
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